"Kein Kommerz auf MegaHertz!"

"Kein Kommerz auf MegaHertz!"

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RDL: Radio Dreyeckland hat in den
Jahren 1983 - 85 einige wichtige Veränderungen erlebt, wie zum
Beispiel die Ausweitung des Sendebetriebs. Wie sahen diese Entwicklungen
und die dahinterstehenden Motivationen aus? Wie sah der Radioalltag
in dieser Zeit aus?

KHG: Um mal so anzufangen: Wenn
Brechts Radioutopie mit einer Zweiwegkommunikation (Empfänger
wird auch Sender) ernsthaft verfolgt werden sollte, also dass der
Rundfunk aus dem Lieferantentum heraustreten und den Hörer als
Lieferanten organisieren müsste, dann behinderte die illegale
Radiopraxis den offenen Zugang zum Radiomachen. Die aufgezwungene
Illegalität ließ weitgehendst nur eine "Ein-Weg-Kommunikation"
zu.

Eine kleine verschworene Gruppe organisierte
Radio Dreyeckland. Die HörerInnen konnten nur über einen
toten Briefkasten mit der Redaktion Kontakt aufnehmen, um eine Nachricht
oder gar selbst produzierte Kassetten zuzuspielen. Ohne persönliche
"Bewegungskontakte" war ein Zutritt zur verdeckt arbeitenden
Redaktion kaum möglich. Solange RDL in der Blütezeit der
Anti-Atombewegung und des Freiburger Häuserkampfes zuallererst
"Bewegungsradio" war, war dieses "Kontakt-Defizit"
zwischen Redaktion und HörerInnen nicht sehr spürbar bzw.
nicht sehr bedeutsam - in den folgenden Phasen schon massiv. Die kleine
Guppe zehrte sich auf (wenige Leute fuhren Woche für Woche mit
dem Auto in die Vogesen um eine meist vorproduzierte Cassette auszustrahlen).
Die Resonanz auf die Sendungen war gering - die Entwicklung des Freien
Radios stagnierte. In der Freiburger Gruppe gab es harte Kontroversen
um die Zukunft des Radios. Im Januar 1982 war es soweit. RDL richtete
eine wöchentliche, öffentliche Redaktionssitzung im Buchladen
Jos Fritz in Freiburg ein - nach vier Jahren verdeckter Redaktionsarbeit!
Das war zu dem Zeitpunkt mutig, aber auch absolut nötig. Redaktionsarbeit
und Sendetechnikkollektiv wurden zum Schutz des Radios getrennt. Diese
Öffnung der Redaktionsarbeit war der Startschuss, zu allem was
dann kommen konnte - dem großen Experiment, Freies Radio als
Gesellschaftsrundfunk im Dreyeckland auszuprobieren.

Die Redaktion wuchs und musste sich
bald in Fachredaktionen aufteilen. Der Freundeskreis Radio Dreyeckland
konnte im Oktober `82 mit über 300 Gründungsmitgliedern
auf die Füße gestellt werden. RDL schaffte sich einen stark
politisch agierenden Arm und hatte den aktiven Sender und das Redaktionskollektiv.
Diese "Doppelstrategie" ermöglichte die politische
Durchsetzung von RDL - trotz massivster Kriminalisierung der RadiomacherInnen.

Ab Oktober 1984 fahren die RDL-Leute
aus Freiburg täglich ins Studio nach Colmar. Von 16-19 h inclusive
aktueller Nachrichten ist RDL auf Sendung. Radio Dreyeckland konnte
die Selbstverwaltung weiter entwickeln, neue Sendeformen und Formate
im Studiobetrieb suchen, fand Unterstützung in vielen politischen,
kulturellen Gruppen a b e r die Sendungen kamen immer noch aus dem
EXIL im Elsaß. Für die RadiomacherInnen war der tägliche
Sendungsaufwand in Colmar kaum aufrechtzuerhalten. Die fehlende Senderpräsenz
in Freiburg wurde als großes Defizit immer deutlicher. In Freiburg
bekam eine Kooperation von Badischer Zeitung und SWF (City-Welle)
eine Frequenz. Kommerz auf Megahertz war politisch angesagt
und RDL wollte und musste aus Freiburg senden, um die letzten Hürden
für ein offen zugängliches, selbstverwaltetes, nichtkommerzielles
Radioprojekt zu nehmen.

Kein Kommerz auf Megahertz war
die Parole. RDL begriff sich damals auch immer als ein Beitrag zur
Sicherung der Meinungs- und Rundfunkfreiheit und gegen die Kommerzialisierung
und Zensur in den Medien. Es beanspruchte eine nichtkommerzielle Frequenz
auf der Badischen Seite und bereitete - auch wieder nach langen Auseinandersetzungen
im Radioprojekt - politisch und technisch den Sendebetrieb aus Freiburg
vor. Der Radiofrühling im April 1985 stand bevor.

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RDL: In den Jahren 1985/86 gab es
mit dem "Radiofrühling" zwar einerseits eine breite
Unterstützungskampagne für Radio Dreyeckland, andererseits
aber gehäufte Razzien und andere Repressalien. Wie sah beides
aus der Nahperspektive aus, und wie hingen beide Erscheinungen zusammen?

KHG: Radio Dreyeckland war es
gelungen, die Frequenzbesetzung in Freiburg mit breiter Unterstützung
für den 20. April 1985 vorzubereiten. Politisch war RDL in der
Offensive und hatte nicht nur aus den sozialen Bewegungen Unterstützung,
sondern erhielt aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen
in Freiburg und im Dreyeckland (aus der SPD, Gewerkschaften, Kirchen,
den Grünen u.v.m.) Beistand. Bei der laufenden Lizensierung von
kommerziellen Rundfunkinteressen im Lande war es auch von Seiten der
CDU-Landesregierung schwer zu vermitteln, warum ein nichtkommerzielles
Radioprojekt, das offensichtlich eine erhebliche Verankerung in einer
Region hatte, keine Lizenz bekommen sollte. Als die Landesregierung
gegen die Frequenzbesetzungen (die ja als Anwort auf die erfolglosen
Lizensierungsanstrengungen erfolgte) dann mit massiven Polizeiaktionen
gegen RDL und weitreichenden Kriminalisierungen gegen einzelne RDL-Leute
reagierte, missbilligte ein großer Teil der Öffentlichkeit
dieses (zudem immer erfolglose) Vorgehen. Die Unterstützung für
RDL nahm zu. RDL sendete offensiv und bewußt an öffentlich
angekündigten Sendeterminen und Orten (die kulturelle/politische
Gruppierungen zur Verfügung stellten), und immer geschützt
von vielen Menschen am Sendeort, die einen Polizeizugriff verhindern
sollten. Dem Radiofrühling folgte der Radiosommer, dann der Radioherbst
mit dem täglichen "illegalen" Sechsstundenbetrieb aus
Freiburg. Im November 1986 hatte RDL schon über 1000 Stunden
Live-Sendung unter ständiger Verfolgung ausgestrahlt. Alle noch
so intensiven Polizeiaktionen und Verfolgungsmaßnahmen gegen
Einzelne konnten das nicht verhindern - im Gegenteil, RDL war so stark
wie nie zuvor.

Aus der Sicht des Betroffenen von Kriminalisierungsaktionen
hat dieses Ergebnisresumee natürlich noch andere Wahrnehmungen.
Der positive Ausgang war ja nicht sicher. Wir sind immer wieder mit
Festnahmen, Hausdurchsuchungen, Überwachungen und Strafverfahren
überzogen worden.
Das ganze wahnwitzige Szenario, das in den Siebziger und Achtziger
Jahren gegen politischen Widerstand aufgefahren wurde, wurde auch
bei RDL eingesetzt. Dies auszuhalten und gleichzeitig eben die Doppelstrategie
mit Frequenzbesetzungen und politischer Durchsetzung konsequent weiter
zu gehen, war sehr schwer, aber letztlich der Grund für den Erfolg.
Auf dieser Basis entwickelte sich große Solidarität auch
gegen die Kriminalisierung der einzelnen RDL-Leute.

Radio als attraktives, neues Mittel
der Gegenöffentlichkeitsarbeit auszuprobieren war für mich
sehr spannend. Dazu kam die Chance der Selbstverwaltung, des völlig
neuen Umgangs mit Strukturen und Inhalten und den neuen "Sender-Empfänger-Möglichkeiten"
in diesem Medium. Erfahrungen aus den badisch-elsässischen Bürgerinitiativen
(z.B. BBR-Nein Gruppe Heitersheim, Argus Müllheim) mit der Volkshochschule
Wyhler Wald, den Besetzerzeitungen, dem Einsatz von Filmen, überhaupt
der Medienarbeit "von unten" in den sozialen Bewegungen
im Dreyeckland machten Mut. Radiomachen lernte ich dann im Tun. Schwerpunktmäßig
kümmerte ich mich lange um den Aufbau des RDL-Infos, dann den
Bereich einer rdl-spezifischen Aus- und Fortbildung ja und Geschäftsführung
und Öffentlichkeitsarbeit oder besser der politischen Durchsetzung
von RDL. So kamen letztlich über 12 Jahre RDL-Engagement in einer
sehr bewegenden Phase des Radioprojekts zustande.

(aus: radio! - April 2002)