Locarno-Blog 8

lesyeuxWestliche
Alterskrisen, östliche Hühnerfarmen und der Klang der Stille

Aus Locarno: Alexander Sancho-Rauschel

Auf der Piazza Grande war
heute der Tag der Schweizer: Nach dem charmanten Kurzfilm „Les yeux
de Simone“ (Die Augen von Simone) über ein cinephiles altes Paar,
das Filmemacher und Schauspieler aus der ganzen Welt in sein kleines
Programmkino in Pontarlier einlädt, ging es beim abendlichen
Open-Air-Programm weiter mit zwei Langfilmen:

Locarno-Blog 8

lesyeux.jpg

lesyeux
lesyeux
Westliche
Alterskrisen, östliche Hühnerfarmen und der Klang der Stille

Aus Locarno: Alexander Sancho-Rauschel

Auf der Piazza Grande war
heute der Tag der Schweizer: Nach dem charmanten Kurzfilm „Les yeux
de Simone“ (Die Augen von Simone) über ein cinephiles altes Paar,
das Filmemacher und Schauspieler aus der ganzen Welt in sein kleines
Programmkino in Pontarlier einlädt, ging es beim abendlichen
Open-Air-Programm weiter mit zwei Langfilmen:

„Giulias
Verschwinden“ schilderte auf amüsante Weise die Krisen westlicher
Städter kurz vor dem 50. Geburtstag. Regisseur Christoph Schaub
betonte, es sei an der zeit gewesen für eine Komödie über das
Alter unfd vor allem das Aelterwerden. Tolle Dialoge, eine blendende
Corinna Harfouch, ein gemuetlich brummelnder Bruno Ganz und ein
hervorragender Stefan Kurt machten aus dem Film ein amüsantes
Vergnügen mit einigen Lachern, dennoch führte der mangel an einer
eigentlichen Filmhandlung und einem packenden roten Faden für die
vielen Episoden in der zweiten Hälfte zu allgemeinen
Ermüdungserscheinungen bei Teilen des Publikums, und so auch bei
mir.

Hinterher gab es als
Late-Night-Vorführungen noch eine grossartige Doku über den
Musikproduzenten Manfred Eicher, der seit vielen Jahren für das
renommierte deutsche Label ECM Musikaufnahmen koordiniert. Selbst
Musiker, führt Eicher Künstler zusammen, regt Projekte an und
versucht zusammen mit den Tontechnikern den jeweils bestmöglichen
Klang aus den Aufnahmen herauszukitzeln. Die beiden Regisseure Peter
Guyer und Norbert Wiedmer folgten dem stillen Tonkünstler Eicher bei
seiner Arbeit mit so bekannten Jazz- und Weltmusikern wie Eleni
Karaindrou, Gianluigi Trovesi oder dem grossartigen norwegischen
Saxophonisten Jan Garbarek (einem meiner persönlichen Favoriten, ich
hatte ihn vor rund zehn Jahren mal auf einem Konzert gesehen, das war
der Hammer, eine unglaublich poetische Musik, die einen Zauber
entfacht, der einen entrückt und... aber gut, hier geht es um Filme,
nicht um Musikträumereien meiner Wenigkeit, zurück zum
[Film-]Thema...). Toller Dokumentarfilm, leider als sehr ruhiger Film
mit viel zeit für die Musikszenen ziemlich ungeeignet für eine
Mitternachtsvorführung, denn dann schlafen mal wieder Zuviele ein...
Wer macht hier eigentlich die Programmplanung?

Es war Zeit für
Kurzfilme, fand ich... und von denen gibt es hier jede Menge zu
sehen, denn einer der Leopardenpreise ist speziell dem Kurzfilm
gewidmet, der „Leopard of Tomorrow“. Das Wettbewerbsprogramm bot
u.a. ein wundervoll-absurdes Kleinod über eine abgelegene
chinesische Hühnerfarm und ihre ziemlich verrückten Bewohner, „No
country for old Chicken“ von Huang Huang, China 2008. Der junge
Hauptdarsteller hat die Schnauze voll von seinem cholerischen Vater,
den gackernden Federviechern, den überfallartig einfallenden
Hygienekontrolleuren, seinem geistig minderbemittelten Bruder und dem
dicken Koch, der vergebens mit dem Hackebeil hinter dem Hahn herrennt
und es nicht schafft, das raffinierte Vieh in den Kochtopf zu
bekommen... .

Genug gelacht -
daneben gab es einigen ziemlich harten
Stoff zu verdauen:

Die traurige
Lebensgeschichte einer einsamen Rumänin, Kindermisshandlung und
Ehegewalt in Dänemark, eine depressive Katalanin in Barcelona und
ein junger Mann in Brasilien, der seine Freundin verlässt und durch
die moderne Architektur seiner Stadt irrt...

Locarno hat den Ruf, eher
harten Stoff zu bieten - vor allem im Wettbewerbsprogramm und eben
auch im Kurzfilm-Wettbewerb legt man hier (noch) mehr Wert als auf
anderen Festivals auf spröde und harte Stoffe, die den Zuschauer mit
dem nötigen Mass an Verzweiflung und Weltschmerz den Kinosaal
verlassen lassen.