730 Seiten mit Suchtpotential: Die Schwestern - Jonas Hassen Khemiri

Die Schwestern - Jonas Hassen Khemiri

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Buchcover - drei stilisierte Frauengesichter
Lizenz: 
Keine (all rights reserved)
Quelle: 
Rowohlt Verlag

Jonas, das literarische Ich, lernt die drei Mikkolaschwestern mit 10 Jahren kennen. Er hat einen tunesischen Vater, sie eine tunesische Mutter. Das entfacht sein Interesse, das über Jahrzehnte anhalten wird, während Ina, Evelyn und Anastasia ihre eigenen chaotischen Leben entwickeln. Der Roman spielt in Schweden, Tunesien und den USA und dürfte gern noch mehr Seiten haben als 730, findet Rezensentin Birgit Huber. 

Rezension:

Dieses geniale Buch beginnt mit einer Milleniumsparty, wird aber noch in die Vergangenheit springen, denn der Roman verfolgt eine ganz eigene Chronologie. Die Milleniumsparty findet in einem ultra angesagten Klub in Stockholm statt. Die drei Schwestern Ina, Evelyn und Anastasia sind vor Ort. Sie sprechen übrigens englisch miteinander, weil ihre Mutter das für sinnvoll hielt.

Zitat: S. 12 „Whatever happens ----- irgendwo hier waren ihre Schwestern“ Zitatende.

 

Neben den drei Schwestern, gibt es im Roman ein literarisches Ich. Und das heißt wie der Autor Jonas. Jonas wächst mit einer schwedischen Mutter, einem tunesischen Vater und zwei Brüdern in Stockholm auf. Als er etwa zehn ist, ziehen die Mikkola Schwestern in die Nacbbarschaft. Ihre Mutter kommt auch aus Tunesien. Ist seine Solostellung als Halb-Tunesier bedroht? Andererseits interessieren sie ihn brennend und er sucht den Kontakt.

Der Vater der Mikkolaschwestern ist gestorben und die Mutter ist als Teppichvertreterin meist abwesend. Deshalb trägt die Älteste, Ina, viel Verantwortung. Dementsprechend ist sie ein eher ernsthaftes, kontrolliertes und kontrollierendes Mädchen. Das zieht sich auch durch ihr Erwachsenenleben, denn wir begleiten die drei Schwestern von Anfang der 90er bis ins Jahr 2022.

Evelyn, die zweite, kommt eher nach der Mutter. Da sind sich alle einig. Sie ist sehr schön, schwankt zwischen Selbstüber- und Selbstunterschätzung, führt nichts zu Ende. Anastasia, das Nesthäkchen, genießt mehr Freiheiten und hält sich weder mit Moral auf, wie Ina, noch mit Ängsten, wie Evelyn.

Etwas hält allerdings alle drei in Schach. Ein Fluch, der auf der Familie liegt. Niemand weiß genau, wer ihn ausgesprochen hat. „Ihr werdet alles verlieren, was ihr liebt“.

Als Kinder hat dieser Fluch eine enorme Wirkunsmacht. Als die Mädchen erwachsen werden, wissen sie natürlich, dass so ein Fluch Humbug ist. Abschütteln können sie ihn aber nie ganz.

Und auch Jonas wird als junger Erwachsener von einer beleidigten Liebschaft in Tunesien mit einem ähnlichen Fluch belegt. Ein weiterer Grund dafür, dass er über 30 Jahre lang die Nähe zu den Schwestern sucht.

Der Roman ist in sieben Bücher aufgeteilt, die jeweils zwischen einem Jahr und einer Minute umfassen. Ein allwissender Erzähler kennt die Gedanken und Erlebnisse der drei Schwestern. Sie werden enorm lebendig, entwickeln sich, sympathisch und unsympathisch. Es ist wie beim Serien gucken, man will immer mehr wissen. Verstärkt wird das durch eine ungewöhnliche Metaebene, in der unklar bleibt, ob wir gerade ein Buch lesen, das Jonas über die Schwestern schreibt, denn auch er wird, wie Autor Jonas Hassen Khemiri, irgendwann Buchautor. Oder ist es ein Theatermonolog, den Evelyn nie beenden wird, genau so wenig, wie ihre Schauspielausbildung?

Der Roman die Schwestern spielt in Schweden, Tunesien und den USA. Es ist eine große Erzählung über migrantische Identitäten, über Familie, Depressionen, Gewalt und Liebe. Und die Geschichte über drei Schwestern, die sich hassen und lieben, helfen und im Wege stehen, trennen und doch immer verbunden sind. Ein origineller und lebenskluger Schmöker mit Tiefgang und Suchtpotential.

Die Schwestern von Jonas Hassen Khemiri, ist 2025 auf deutsch erschienen, übersetzt von Ursel Allenstein , hat 730 Seiten und es dürften gern noch mehr sein.