Herzschmerz und eklige Aliens – Was will man mehr ?

Herzschmerz und eklige Aliens – Was will man mehr ?

Herzschmerz und eklige Aliens – Was will man mehr ?

Cannes – Es geht looos!

Nach meiner Kollegin Angelique melde auch ich mich jetzt live aus Cannes…
Hocherfreut, wohlgemerkt, denn schmeichelt es nicht jedem/r von uns, wenn die eigene Wichtigkeitsstufe erhöht wird?

Ich hatte ja bereits letztes Jahr davon erzählt, dass in Cannes, dem schönsten, wichtigsten, intensivsten, versnobtesten und hochnäsigsten Filmfestival der Welt ganz, aber auch wirklich ganz, ganz, ganz stark kategorsiert und hierarchisiert wird?!
Das Festival ist ja, im Gegensatz beispielsweise zur sehr viel lockereren Berlinale, ein reines Akkreditierungsfestival, das heißt der Zugang ist wirklich ausschließlich Fachpublikum vorbehalten, also Filmproduzenten und Künstlern, Filmverleiherinnen, Rechtehändlern, Kinomacherinnen und so weiter – und eben der wilden Horde an Filmjournalisten, Fotografinnen, Fernsehteams und Vertretern der Pressagenturen.
Trotz Unmengen an Events und Filmvorführungen, Pressekonferenzen, Parties und Empfängen, Diskussionsrunden und Werbeveranstaltungen der Studios sind doch manche der Veranstaltungen hoffnungslos überlaufen, und manche Bereiche des labyrinthartigen Festivalkomplexes nur für bestimmte Gruppen zugänglich.
Deshalb wird erbarmungslos jede/r hier nach Wichtigkeit und Funktion eingestuft – mittels der Akkreditierungsausweise, die man hier permanent vor dem Bauch hängen haben muss, um sich auf dem Gelände bewegen zu dürfen.

 

Ich konnte bisher nicht herausfinden, wieviele Abstufungen es gibt, aber es müssen hunderte sein.
Allein bei der Presse gibt es zahlreiche: In meinem ersten Jahr hier in war ich "gelb" (quasi der Cannesbegriff für „grün hinter den Ohren“), eine eher miese Anfänger-Kategorie, seitdem bin ich zur “presse bleu”aufgestiegen - es ist diesmal mein viertes Jahr – ich gehöre also immer noch zu den blutigen Anfängern und schaffe es nur dann zu den Champagner-Empfängen, wenn ein Kamerateam bei der Promiverfolgung mich über den Haufen rennt oder irgendeine Produzentin mir im Gedrängel aus Versehen einen Kaffee über den Kopf geschüttet hat und mir zur Wiedergutmachung (und vielleicht auch noch aus Mitleid, weil ich sie nicht wie ein richtiger Promi wüst beschimpfe, sondern folglich dermaßen unwichtig bin, dass ich mein restliches Tagesprogramm sogar mit Kaffeeflecken absolvieren kann, sprich ohne gesellschaftliche Ereignisse) deswegen gnadenhalber eine Einladung zuschiebt, um sich nicht lange bei mir entschuldigen zu müssen.

Zu den ganz wichtigen Pressekonferenzen komme ich damit zwar nicht, für die meisten reicht es aber schon, zur Kategorie Spielberg, Tarantino oder Woody Allen reicht es jedoch nicht. (Egal, auch da wird meist nur plaudernd Werbung gemacht, manchmal immerhin auf originelle Art und Weise, wirklich Wissenswertes über die Filme selbst erfährt man dabei jedoch nur bei besonders offenherzigen Filmemachern - und unter den Schauspieler gibt es sowieso viele, die man besser nichts fragen sollte. Nicht unbedingt deshalb, weil die über den Film nichts zu sagen hätten - das gibt es natürlich auch -, sondern schon allein deshalb, weil die Akteure bei größeren Produktionen oft vertraglich dazu verpflichtet werden, über den noch unveröffentlichten Film nur lobende Worte zu verlieren und ansonsten die Klappe zu halten.)

Presse blau ("bleu") mit rosa Punkt ist die nächsthöhere und schon ziemlich gute Kategorie, aber ich fürchte, dafür muss unser Radio erst noch ein paar zehntausend weitere HörerInnen zusammentrommeln.
Und in die Spitzenkategorien im Pressebereich kommen nur die großen überregionalen Tageszeitungen, die Fernsehteams und die internationalen Presseagenturen.

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Die Pressemeute (Bild ASR)

Aber, aber, aber: Einen kleinen, aber überaus erhebenden Erfolg habe ich dennoch zu vermelden:
In der Pressekategorie „bleu“ bekommt man nicht automatisch eines der 1.700 Presse-Schließfächer zugeteilt. Denn immerhin sind etwa 4.500 PressevertreterInnen vor Ort. Die Fächer sind kleine Briefkästen mit persönlichem Zugangscode, die täglich mit Pressemeldungen, Einladungen zu Empfängen und Sondervorführungen und vor allem den oft sehr schön gestalteten Pressehaften zu den einzelnen Filmen gefüttert werden.
Bei meinem ersten Mal (jaja, „gelb“ - allgemein müdes Lächeln) hatte ich extra nachgefragt, aber die stets freundlich lächelnde Dame meinte nur mitleidig, es gäbe keine freien Fächer mehr, „Pardon, Monsieur!“. Bei meinem zweiten Jahr in Cannes wurde ich auf eine Liste gesetzt, musste täglich nachfragen, und bekam nach vier Tagen Wartezeit dann doch noch ein eigenes Pressefach. Beim dritten Mal letztes Jahr hatte ich bereits nach nur zwei Tagen Wartezeit mein eigenes Fach.
Falls ich gerade weitschweifig erscheinen sollte: Tut mir leid, aber die lange Vorrede musste sein, denn nur dann könnt Ihr, geschätzte Leserinnen und Leser, die ganze, unfassbare, ergreifende, epochale Bedeutung des auf den ersten Blick so unscheinbar wirkenden Ereignisses nachvollziehen, das sich dieses Jahr an meinem Anreisetag hier am Presseschalter für Audiovisuelle Medien ereignet hat (Achtung, festhalten, jetzt kommt’s!):
Ich setzte mein freundlichstes Lächeln auf, bitte höflich darum, auch dieses Jahr wieder auf die Warteliste für ein Fach gesetzt zu werden, der gestylte Dressman am Schalter wirft einen Blick auf meine Akkreditierungskarte und erklärt mir dann (Achtung, jetzt kommt’s!), so nebenbei, ganz cool, als ob es das Selbstverständlichste auf der Welt wäre:
„Monsieur, Sie haben bereits ein Schließfach (!).“ Tatsache, auf meiner Karte, die mir vor dem Bauch baumelt, steht es schwarz auf blau: „Casier 1769“ (!!). Mir wurde, ungefragt, ohne Drängeln, Bitten, Flehen, sondern einfach so, nebenbei, von oberer Stelle, von jenen Göttern, die nie an irgendwelchen Schaltern erscheinen, sondern von höheren Wesen, die hinter den Kulissen über unser Schicksal richten, die Herr über Leben und Tod sind (also über gelb, blau oder den rosa Punkt entscheiden), ein eigenes Fach zugesprochen (!!!).

Ich bekomme feuhcte Hände, nicke nur beiläufig, natürlich, das Selbstverständlichste auf der Welt, jaja, merci und auf Wiedersehen, jetzt nur nicht auffallen oder zeigen, dass man sich selbst kaum würdig hält, solche Gnaden zu empfangen, drum trolle ich mich schnell.
Atemlos studiere ich nochmals den unscheinbaren Vermerk auf meiner Akkreditierungskarte, den ich übersehen hatte, weil ich ihn niemals erwartet hätte, und stelle mir die Frage, die zu beantworten mir selbst kaum zusteht:
Womit habe ich das verdient? Und kann ich es überhaupt schaffen, mich dieses Gnadengeschenkes würdig zu erweisen?

Nun ja, die Entscheidungen der Schicksalsgötter sollte man nicht in Frage stellen, daher akzeptiere ich das unverdiente Geschenk demütig, ein Grinsen bemächtigt sich meiner, und ich stürze mich ins diesjährige Gewimmel des glamourösesten Filmfestivals der Welt.
Mein viertes Jahr in Cannes, und ich habe ein eigenes, immerhin drei Zentimeter hohes, schmales Schließfach, die Nummer 1769 von 1800 - aber egal:
Ich bin angekommen, ich bin kein hoffnungslos blutiger Anfänger mehr, sondern bereits so etwas wie ein Debütant mit einem gewissen Halbwissen, der zwar noch dumme und überflüssige Fragen stellt, aber das sei mir verziehen, denn es ist ja mein Job als Pressevertreter, dumme und überflüssige Fragen zustellen!
Also los, wo sind Leonardo DiCaprio, Sofia Coppola, Christoph Waltz und Roman Polanski – ich hätte da ein paar Fragen…!

 

Alexander Sancho-Rauschel