Locarno Blog 9

Die
grosse Pokemon-Show – und die Frage warum:

Aus Locarno: Martin Koch

Zu einem Filmfestival
gehören nicht nur gute Filme und pfiffig ausgewählte Sektionen
sondern auch Stars. Deswegen konnte das Filmfestival Locarno vom
Auftritt zweier japanischer Super-Promis nur profitieren. So dachten
sich das jedenfalls die Veranstalter.

Locarno Blog 9

Die
grosse Pokemon-Show – und die Frage warum:

Aus Locarno: Martin Koch

Zu einem Filmfestival
gehören nicht nur gute Filme und pfiffig ausgewählte Sektionen
sondern auch Stars. Deswegen konnte das Filmfestival Locarno vom
Auftritt zweier japanischer Super-Promis nur profitieren. So dachten
sich das jedenfalls die Veranstalter.

Mit einem Film über den
Weltuntergang begleitet von einem aufziehenden Gewitter hatten die
Zuschauer des Open-Air-Kinos in Locarno gerechnet. Doch um 21.30 Uhr
kam alles anders: die Bühne wurde freigegeben, nicht für die
französischen Regisseure des Endzeit-Spektakels „Les derniers
jours du monde“ oder ihren Hauptdarsteller Mathieu Amalric, sondern
für zwei Megastars aus Fernost: die Teenie-Sängerin Shoko Shanase
und die Trickfilm-Ikone Pokemon. Es folgten zwei Darbietungen, die
sich in Sachen Peinlichkeit gegenseitig kaum überbieten konnten: auf
den Trailer des neuesten Pokemon-Films folgte eine an Pokemon oder
die englischen Teletubbies erinnernde Gesangseinlage der
Nachwuchsbardin Shanase, die dazu lächelnd auf der Bühne hin- und
herlief, als wäre sie nicht auf einem europäischen Filmfestival,
sondern bei der Aufnahme einer Fernsehsendung für den Kinderkanal.

Natürlich kann man
für derartige Aergernisse weder Shanase noch das Pokemon
verantwortlich machen. Vielmehr sollten sich die Veranstalter des
Locarno Filmfestivals fragen, ob sich ein A-Festival, das sich der
künstlerischen Avantgarde und dem Eintreten für qualitativ
hochwertige Filme verschrieben hat, derart als Werbeplattform für
Massenprodukte hergeben sollte. Dass die Veranstaltung Teil einer
grossangelegten Promotion-Kampagne zur europäischen Vermarktung des
neuesten Pokemon-Films war, kann den zahlreichen anwesenden
Zuschauern ebensowenig entgangen sein, wie die Tatsache, dass der
dürftige künstlerische Wert dieser – zumal nicht als solche
gekennzeichneten, sondern ins offizielle Abendprogramm aufgenommenen
– Werbung nur durch kräftige Finanzspritzen der japanischen
Produzenten aufgewertet worden sein kann.

Wer nun meint,
solche Praktiken zählten realistisch gesehen in Zeiten der
Finanzkrise eben zu den Notwendigkeiten bei der Organisation von
Filmfestivals, dem sei gesagt, dass der Aerger des Publikums ueber 25
Minuten hirnlose Zeitverschwendung und der daraus entstehende
Image-Schaden für das Festival in solche Ueberlegungen ebenfalls
einzubeziehen ist – im Vorfeld dieses Abends kann das nicht in
allzugrossem Ausmass passiert sein. Wer aber meint, dass die
Werbeaktion doch ganz gut zum diesjährigen Schwerpunkt der
Retrospektive – die Entwicklung japanischer Mangas und ihr Einfluss
auf den Film – passe, hat diese Reihe gehörig schief
interpretiert. Schliesslich geht es in dieser hochkarätig besetzten
Reihe vorrangig darum, die Geschichte der verfilmten japanischen
Comic-Kunst aufzuzeigen, wobei der Eindruck vermittelt wird, dass in
diesen Trickfilmen ein zugleich einzigartiger und vielfältiger Stil
entstanden ist, der den internationalen Film bereichert. Und das mit
unverklärten Focus auf erwachsene Themen, wie etwa Krieg in „First
Squad“ oder Umweltschutz in „Pom Poko“ und mit einem Blick für
die Bereicherung etwa des Science-Fiction Genres durch „Ghost in
the Shell“ und seine Nachfolger. Es geht dabei gerade darum, einem
filmbegeisterten Publikum nahezubringen, dass der japanische
Trickfilm mehr als schlechte Zeichentrickserien und massentaugliche
Begleitfilme zum Spielzeugverkauf zu bieten hat.

Dann wiederum das Pokemon
als Gallionsfigur in den Mittelpunkt einer Abendveranstaltung zu
stellen ist als künstlerische Entscheidung äusserst
diskussionswürdig und in der Form des genannten Abends indiskutabel.
Im Abendprogramm des Locarneser Filmfestivals sollte kein Platz für
solche Werbeveranstaltungen sein.