Rezension: Peter Probst: Am helllichten Tag

Peter Probst: Am helllichten Tag

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Rezension: “Am helllichten Tag” von Peter Probst . Heyne Verlag 2026
rezensiert von Hardy Vollmer 

“Die ganze Stadt riecht nach Nagellackentferner”. So der erste Satz im Roman von Peter Probst “Es geschah am helllichten Tag”. Der, der den Satz denkt, ist neun Jahre alt und froh, dass die Stadt nicht nach Autoabgasen stinkt. Der Nagellackentferner, später mit Aceton präzisiert, ist ein Zeichen für Prosperität, handelt es sich doch dabei um den Stoff, der für zahlreiche Schuhfabriken steht. Der Roman spielt im Zentrum der westdeutschen Schuhproduktion, der Stadt Pirmasens, mit der höchsten Dichte an Millionären, wie es an anderer Stelle heißt. Aber das ist schon lange her. Die Schuhfabriken sind verschwunden, in den Einkaufsstraßen, wo sich ein Schuhladen an den nächsten reiht, gähnen öde und leere Schaufenster die wenigen Besucher an und wahrscheinlich riecht es  jetzt nur noch nach Autoabgasen. Willkommen in der Gegenwart.
In diese verfallene, sterbende Stadt kehrt die angehende Journalistin Toni zurück, der es ähnlich wie der Stadt ergeht. Aus München kommend, gerade im Auflösungsprozess einer missratenen Beziehung befindend, zudem eine sicher geglaubte Stelle bei der FAZ verloren. Und dann noch den Tod des Vaters betrauernd, der sie letztlich nach Pirmasens führt. Das Elend der Stadt und das Elend der Hauptperson des Romans ergänzen sich.
Peter Probst gelingt es schon nach  den ersten Seiten des Romans in eine düstere Umgebung zu führen, und so in die eigentlich düstere Geschichte des Romans. Dort verschwinden  drei Kinder in den prosperierenden Zeiten von Pirmasens und man ahnt es schon, auch diese Zeiten waren düster.
Die Ereignisse gab es tatsächlich, aber der Fall wurde bis heute nicht aufgeklärt. Probst versucht mit dem Roman einen möglichen Ablauf der damaligen Ereignisse zu rekonstruieren und eine Lösung anzubieten, die sich so auch tatsächlich hätte abspielen können. Dabei spielt die Journalistin Toni eine Hauptrolle, weil ihr Vater anscheinend in den Fall verwickelt war. Eine mysteriöse Notiz, die sie im Nachlass findet, weckt ihren journalistischen Spürsinn und sie beginnt, in der Vergangenheit ihres Vaters zu ermitteln. Wie zu erwarten, blocken alle Verwandten und Bekannten ihres Vaters, die an der Aufklärung mitwirken könnten, ja verhalten sich so, als wenn sie mitbeteiligt waren, oder zumindest genau wussten, was geschah. Dieses Verhalten beschreibt wohl auch den Titel des Romans “Am helllichten Tag”, jeder bekam es mit, aber keiner will was gesehen haben. 

Für die Journalistin Toni erweisen sich die Recherchen als mühselig und ziellos. Glücklicherweise wohnt aber im Nachbarhaus ein Kommissar. Der ermittelt zwar gerade in einem ganz anderen Fall: dem Selbstmord einer Ärztin, die anscheinend durch rechten Mob in den Tod getrieben wurde, weil sie sich für Flüchtlinge einsetzte. Der polizeiliche Nachbar besucht Toni aber nicht zufällig, denn die Ärztin und ihr Vater kannten sich. Welche Abgründe taten sich da auf, war ihr Vater in den Selbstmord der Ärztin verwickelt? Die Bekanntschaft des Kommissars ist für Toni letztlich ein Glücksfall. Er lässt sich von ihrem Recherche Eifer anstecken und versorgt sie mit den alten Ermittlungsakten.
Peter Probst gelingt es in einem schönen, kontrastreichen Wechselspiel, den Fall in der Vergangenheit mit den aktuellen Geschehnissen zusammenlaufen zu lassen. Toni entlarvt bei ihren Recherchen das vollkommene Versagen der polizeilichen Ermittlungsarbeit und konfrontiert die noch lebenden Akteure mit ihrer immer deutlicher werdenden Schuld an dem damaligen Verbrechen. Währenddessen nimmt der aktuelle Fall eine Wendung, die das Handeln ihres Vaters in einem anderen Licht erscheinen lässt. Aber die Lesenden sind da noch lange nicht am Ende des Romans. Einen dramatischen Höhepunkt erhält das ganze Geschehen durch das Verschwinden einer Jugendlichen, die als Background den ganzen Roman durchzieht und an die vergangenen Ereignisse erinnert. Wiederholt sich das Drama wieder? 
Peter Probst hat eine interessante True Crime - Story geschrieben, die bis zum Schluss die Spannung hält. Die angebotene Lösung  des tatsächlichen historischen Falls, durch eine erfundene Realität, ist nachvollziehbar, aber eben nur eine Erfindung. Es hätte auch ganz anders sein können. Den Einen oder Anderen könnte aber die Geschichte von Peter Probst dazu animieren, sich an einer weiteren Lösung zu versuchen. Es lohnt sich also, den Roman gut zu studieren.

Rezension: “Am helllichten Tag” von Peter Probst . Heyne Verlag 2026
rezensiert von Hardy Vollmer