Lesekränzchen-Buchtipp 2: Diese gottverdammten Träume / Richard Russo

Diese gottverdammten Träume / Richard Russo

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Quelle: 
Dumont Verlag

Sigrid Webers Buch des Jahres, Pulitzergewinner und ein entlarvender Roman über Lebensträume, Wünsche und Selbstbelügungen:

"Vielleicht hegten die beiden so wie Miles auch hin und wieder die vage Vorstellung, dass es in einem Paralleluniversum Doppelgänger gab, die frohgemut die Leben führten, die sie sich in ihrer Jugend für sich erträumt hatten."

Ja, Lebensträume können eine ganz schön vertrackte Sache sein. Über Zeiten hinweg sind sie so frisch und lebendig und erfüllen einen mit Kraft. Und dann vergehen die Wochen und Monate und Jahre, dieses ereignet sich und jenes und irgendwann blickt man nur noch mit Wehmut auf sie zurück. Versucht man, das Ruder noch einmal herumzureißen oder akzeptiert man, dass das Leben einfach anders gelaufen ist? Der amerikanische Schriftsteller Richard Russo hat den Tücken der Lebensträume einen Roman gewidmet und dessen deutscher Titel „Diese gottverdammten Träume“ trifft die Sache im Kern. Genial ist allerdings auch der englische Originaltitel „Empire Falls“. So heißt die fiktive kleine Stadt in Maine, in der die Geschichte spielt, benannt nach den Wasserfällen des unberechenbaren River Knox. „Empire Falls“ bedeutet aber auch „zerfallendes Imperium“, was wiederum das für das Buch zentrale Schicksal der Stadt umreißt. Denn die Globalisierung hat der ein Jahrhundert währenden und prosperierenden Textilindustrie ein Ende gesetzt. Seit zwanzig Jahren stehen die Maschinen in den Fabriken der Familie Whiting still. Und still ist es auch auf den einst betriebsamen Straßen geworden. Viele sind weggezogen und die Verbliebenen harren mehr oder weniger in der Hoffnung aus, dass sich die Dinge vielleicht doch wieder zum Guten wenden.

Das ist die Ausgangslage des Romans, in deren Mittelpunkt der zweiundvierzigjährige Miles Robey steht. Er ist Betreiber des „Empire Grill“, einem kleinen Diner, in dem sich regelmäßig einige Leute des Städtchens einfinden. Seit seine Frau ihn verlassen hat, wohnt er in einem kleinen Kabuff über dem Restaurant und versucht, sich einigermaßen über Wasser zu halten. Als junger Mann hat er Literatur studiert, mit Begeisterung. Doch nach der Erkrankung seiner Mutter Grace ist er zurückgekehrt, um sich um sie zu kümmern. Wegen der prekären Finanzlage seiner Familie hat er dankbar das Angebot von Francine Whiting, der Fabrikerbin und mächtigsten Frau der Stadt, angenommen, für ein Jahr den Empire Grill zu übernehmen. Doch aus einem Jahr sind zwanzig geworden, und nach dem Tod seiner Mutter sind immer wieder neue Verpflichtungen auf ihn zugekommen, die ihn in Beschlag nehmen. Da ist seine Tochter Tick, die jetzt die Highschool besucht und für die er da sein möchte. Sein Vater Max, ein Hallodri, wie er im Buche steht. Oder Father Mark, dem er für umsonst die Kirchenfassade streicht. Miles ist ein besonnener kluger Mann und hin und wieder fragt er sich schon, ob das alles nur Ausreden sind, mit denen er sein bescheidenes Leben rechtfertigt. Dann sagt er sich aber wieder, dass es so schlecht nun auch wieder nicht ist. Immerhin hat Misses Whiting versprochen, ihm den Empire Grill zu vererben. Und dann könnte er mit seinem Bruder endlich all die Erfolg versprechenden Ideen für den Diner realisieren, die diese unberechenbare Frau bislang hartnäckig torpediert.

Dass Francine Whiting ihn sozusagen am ausgestreckten Arm verhungern lässt, hat Gründe. Denn die Schicksale der Familien Robey und Whiting sind miteinander verstrickt, weit mehr, als Miles ahnt. Richard Russo nimmt sich viel Zeit, diese weit in die Vergangenheit reichenden Verstrickungen aufzulösen. Geschickt fügt er einen Baustein zum anderen und dass das auf den 750 Seiten keine Sekunde langweilig wird, liegt nicht zuletzt daran, dass immer wieder auch das Leben anderer Leute der kleinen Stadt in den Vordergrund rückt. Sei es Miles Ex-Frau Janine, die irgendwann merkt, dass sie mit ihrem großmäuligen Fitnessclub-Typen doch nicht das große Los gezogen hat. Der unangenehme Polizist Jimmy Minty, der sich an die Maxime seines Vaters hält, mit stetigen, aber immer nur bescheidenen Betrügereien das Einkommen aufzubessern. Oder der Journalist Horace, der mit seinem wachen Auge als Erster bemerkt, dass sich in der Stadt eine Katastrophe anbahnt.

Alle Figuren bis in die Nebenrollen hinein bekommen bei Russo ein fein gezeichnetes Gesicht, sodass sie beim Lesen geradezu lebendig werden. Sein Blick auf ihre Träume, Wünsche und Selbstlügen ist weder denunzierend noch mitleidig, selbst wenn sich dahinter manchmal Tragisches verbirgt. Menschliche Schwächen haben ihren Platz. Aber Russo lässt es sich nicht nehmen, sie scharfsinnig und manchmal ausgesprochen witzig auseinanderzunehmen. Mit Vergnügen folgt man den inneren Monologen seiner Protagonisten und ihren spritzigen Wortwechseln – Richard Russo ist ein wahrer Meister des Dialogs. Und hin und wieder fühlt man sich bei der Entlarvung ihrer Selbstlügen auch selbst ertappt. Kurz: Ein in jeder Hinsicht toller Roman.

„Diese gottverdammten Träume“ von Richard Russo, glänzend ins Deutsche übertragen von Monika Köpfer. Das Buch ist im Dumont Verlag erschienen, hat 751 Seiten, kostet gebunden 24 Euro 99 und in der Taschenbuchausgabe 16,00 Euro.

Und ein Letztes: Der Roman wurde von HBO als Miniserie sehr schön verfilmt, in Starbesetzung, u. a. mit Paul Newman als Miles verschrobener Vater Max Roby. Macht sich zusammen mit dem Buch auf dem Gabentisch bestimmt ganz gut.