Die Band Noice aus Heidelberg eröffnet die diesjährige A-Cappella - Nacht im gut gefüllten großen Zelt auf dem eltmusikfestival, bestehend aus drei Frauen und zwei Männern. Sie fungieren als Vorband für Naturally 7, den Hauptact des Abends, dürfen aber auch ein Programm von 45min aufführen.
Die Songs von Noice sind unterschiedlich, was Stil, Tempo und Stimmung angeht. Sie bemühen immer wieder Choreographien, wahrscheinlich, um auch optisch etwas zu bieten, weil man natürlich nicht viel Action sieht, wenn jemand singt, und sei es auch noch so virtuos. Leider zündet die Idee bei mir nicht – die Choreographien verbinden sich für meine Begriffe nicht organisch mit dem Gesungenen, es sieht oft gestellt und etwas steif aus, bzw. halt wie einstudiert, aber nicht so locker, als dass es wie selbstverständlich wirkt, dass da jetzt jemand auf der Bühne gerade diese Pose einnimmt. Und es lenkt auch nicht davon ab, dass die Intonation immer wieder nicht ganz rund ist. Man muß dazu sagen, dass Töne treffen bei Gesang genauso wie bei Streichinstrumenten oder Posaune recht schwer ist im Vergleich zu anderen Instrumenten, deren Töne quasi einrasten, wie zb. beim Klavier oder einer Gitarre, und dass diese Schwierigkeit, den richtigen Ton zu treffen, natürlich zunimmt, je mehr Singende daran beteiligt sind.
Bassist Max weiß für mich eine ganze Weile lang am meisten zu überzeugen, er beeindruckt mit klar gesungenen Basslinien und einer recht vollen Stimme.Später im Set wird eine der Frauen, die bisher eher im Hintergrund gesungen hat, mehr gefeatured und es stellt sich heraus, sie hat von den drei weiblichen Stimme die beste, was Klang und Intonation und auch Ausdruck angeht, und mit ihr am Leadgesang hört der Auftritt von Noice folgerichtig auf. Sie ist auch diejenige, die die Beatbox- Loops einsingt, die dann vom Mischer extern geloopt werden und zu denen die Band immer wieder längere Passagen singt. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob die Loops wirklich live erstellt werden, oder ob sie schon vorbereitet sind und dann einfach abgefeuert werden. Jedenfalls klingen sie relativ schnell eintönig und machen das Ganze statisch, nehmen eine gehörige Portion Lebendigkeit raus. Mein Empfehlung wäre ganz klar, auf Loops zu verzichten und so viel wie möglich, am besten alles live zu machen – die Stücke ohne Beatbox-Loops klangen für mich am Besten..
Gegen Schluß werden Hits gecovered und das Publikum erfolgreich zum Mitsingen animiert, sowas klappt immer ganz gut. Die Ansagen sind mal ganz nett und symphatisch, mal etwas hölzern und ungelenk, aber das darf man der jungen Gruppe verzeihen, die noch am Anfang ihrer Karriere steht, die mit diesem Auftritt hoffentlich einen Sprung nach vorne tun kann.
Nach dem Auftritt von Noice gibt es eine Pause und dann gehört die Bühne Naturally 7, dem Hauptact des Abends. Sieben Männer aus New York sind angetreten, das Publikum mit ihren Stimmen zu verzaubern. Und ich muß gleich dazu sagen, der Plan geht nicht so richtig auf, was mich betrifft. Einer der Gründe dafür, wenn nicht der Hauptgrund, liegt in der Lautstärke, die enorm ist, es übrigens auch schon bei Noice war. Warum muß eine A-Capella – Gruppe so laut wie eine Rockband sein? Ich verstehe es nicht, und es würde mich interessieren, wer diese Entscheidung getroffen hat – ob es die Band war oder die ZMF-Veranstaltenden. Ob Naturally 7 immer so laut aus den Boxen tönen, wenn sie vor 2000 Leuten auftreten, oder ob die A-Capella – Nacht immer diese Lautstärke hat. Ich habe Mnozil Brass im großen Zelt erlebt, die, soweit ich mich erinnere, zu siebt komplett ohne Verstärkung auf ihren Blasinstrumenten gespielt haben, und bei denen es auch viele a capella Gesangspassagen gab. Mir hat nichts gefehlt, das Können, die Musikalität, alles hat sich
transportiert. An diesem Abend jedoch bekomme ich irgendwann Kopfweh und bin mir ziemlich sicher, dass es nicht von dem einen Bier kommt, das ich vorher getrunken habe, und auch nicht von irgendetwas anderem als der Lautstärke. Das Problem meiner Überforderung kommt auch daher, dass die Musik von Naturally 7 viele lange Töne und wenig Unterschiede in der Laustärke beinhaltet. Als irgendwann mal nur zwei Leute singen, freut man sich tierisch über den Wechsel in der Dynamik. Aber meistens erklingen 7 Männerstimmen gleichzeitig und die menschliche Stimme gut
wahrzunehmen, dafür sind unsere Ohren und Gehirne gemacht, es ist lebenswichtig für uns. Umso wichtiger wäre es für mich, auf diese Besonderheit einzugehen, aber das passiert hier nicht. Natürlich haben alle großartige Stimmen, können toll singen und zeigen das auch. Im Prinzip stehen hier 7 Solisten auf der Bühne, und ich habe leider eher den Eindruck -. auch wenn es spielrisch verpackt wird – dass es eher um Konkurrenz zwischen den Akteuren geht, darum, noch besser und toller zu klingen als der Kollege, und nicht darum, wie in der Ankündigung beschrieben, mit zwischenmenschlicher Harmonie zu beeindrucken. Mir fehlt es am gegenseitigen Zuhören, an stillen, leisen, zarten Passagen, an Interaktion. Die Lautstärke, mit der alles vorgetragen wird, lässt auch alle Songs zu einem großen Soundgewitter verschmelzen, ich kann mich schließlich gar nicht mehr richtig an einzelne, unterschiedliche Lieder erinnern – schade.
Einer der Sänger ist hautpsächlich für die Beatbox zuständig, einer für den Bass und sie imitieren beide mit ihren Händen jeweils ein Schlagzeug bzw. einen Bass, was für mich erstmal funktioniert – man sieht eben auch, wer da gerade was für einen Sound macht. Die anderen Sänger haben auch noch andere Instrumente in petto, die sie gekonnt nur mit dem Mund erklingen lassen. Aber ich kann mich nicht den ganzen Abend darüber wundern, dass diese oder jene Stimme jetzt wie eine Flöte oder eine Posaune klingt. Irgendwann ist diese Faszination vorbei und dann zählt einfach die Musik. Und da sind wir wieder bei der Lautstärke, denn wenn konstant ein volles Brett aus den Boxen schreit, dann verkrümelt sich auch irgendwann die Musikalität. Für einen einzigen, kurzen Moment singen die sieben ohne Mikrofon, und sofort stellt sich für mich Nahbarkeit ein, Gefühl, Soul. Vielleicht hätten wir im Publikum sofort frenetisch klatschen und pfeifen sollen, vielleicht war es ein Test und sie wären dann länger dabei geblieben oder hätten mehr ohne Mikros gesungen.
So aber verstreicht der Moment und nach 30 Sekunden rollt die Sound-Dampfwalze weiter.
Was eigentlich gänzlich fehlt, sind improvisierte Momente, dass mal einer etwas wagt, aus sich herausgeht, alles klingt perfekt, und das wirkt dann auch irgendwann langweilig oder zumindest ermüdend auf mich. Einer der Sänger loopt ebenfalls seine Stimme und führt das live auf der Bühne vor – was ganz gut rüberkommt, aber letztendlich genau dasselbe Problem herstellt wie bei der Vorband, dass die Loops nämlich recht schnell monoton wirken, und Gefahr laufen, dem Ganzen die Musikalität zu rauben. Und es wird dadurch ja noch voller im Sound, der sowieso schon
überladen wirkt. Dazu kommt, dass die Artikulation des Bassisten so verstärkt wird, dass es recht perkussiv klingt –
an sich nicht schlecht und druckvoll, aber wie gesagt, ohne Unterschiede in der Lautstärke bald ermüdend. Druckvoll und erstmal eindrucksvoll klingt auch die Beatbox – in Kombination mit dem Bass richtig fett also. Man hört immerhin, dass die Beatbox live ist, weil die Snare-Sounds nicht immer gleich klingen – bei mir sehr willkommen, weil es den Sound lebendig macht. Doch leider variiert der Beatboxer den Rhythmus null, er singt wirklich konstant jeden Takt des jeweiligen Liedes gleich, macht nicht ein einziges Mal einen Break, der den Rhythmus wortwörtlich aufbrechen würde (das behaupte ich jetzt aus meiner Erinnerung heraus – aber ich bin in der Hinsicht als Musiker und Liebhaber von Funkmusik schon sehr fokussiert auf sowas) – und das killt eigentlich wieder komplett den Vibe, den die live Beatbox in den Anfangsmomenten hat. Das Pulikum im großen Zelt scheint nach 100 Minuten Konzert recht angetan zu sein, es wird aufgestanden und applaudiert, nicht frenetisch, aber doch zugetan. Mein Sitzplatz war nicht weit vom Mischpult weg gewesen, mein schlechter Eindruck vom Sound kann also eigentlich nicht mit einer schlechten Position zu erklären sein. Was bleibt, ist wirklich die Frage, warum die Gesamtlautstärke so brachial sein muss. Ich bin fest davon überzeugt, mehr Dynamik von Seiten der Band und weniger laut von seiten der Mischenden hätte dem Konzert sehr, sehr gut getan. Naja, nach einer kurzen Weile an der frischen Luft und ohne "Wall of Sound" ist das Kopfweh dann plötzlich weg und ich atme auf. Nächstes Jahr nochmal A- Cappella – Nacht, um vergleichen zu können? Ins Programm werde ich auf jeden Fall schauen und hoffe gleichzeitig, dass ich nicht der einzige war, dem es lautstärketechnisch so erging.

