Das Konzert von Andreas Kümmert und seinem elektrischem Zirkus – so der Bandname, ins Deutsche übersetzt – beginnt etwas verspätet, weil es Stau auf der Autobahn gab, aber das tut der Stimmung keinen Abbruch: das Publikum besteht zum großen Teil aus treuen Fans, so scheint es. Alle Altersklassen sind vertreten, Leute in seinem Alter (er wird am 20. Juli 40), welche, die deutlich älter sind, und schließlich auch Menschen, die theoretisch seine Kinder sein könnten – eine
bunte Mischung, was schonmal für den Sänger und Gitarristen spricht. Wer solch unterschiedliche Altersklassen ansprechen kann, der muss irgendwas Besonderes an sich haben. Und das hat er. Nach einer kurzen Ansage legt die Band los und als Andreas Kümmert mit seinem Gesang einsetzt, ist sofort klar, dass hier eine große, mächtige Stimme erklingt, einer, der den Blues hat und seine innere Gefühlswelt im Außen erklingen lassen kann. Dieser Typ braucht kein
Autotune – abgesehen davon, dass seine Musik kein Fitzelchen davon vertragen würde – jeder Ton sitzt genau da, wo Mr. Kümmert und unsere Ohren ihn haben wollen. Wobei seine Stimme in den höheren Lagen – die er mühelos erreicht – so eindringlich über die Boxen im Spiegelzelt tönt, dass es zumindest für mich grenzwertig laut wird, und ich mir ziemlich bald ein paar Lagen Taschentuch in die Ohren stopfe – nun ist es perfekt, ich kann das Konzert genießen und freue mich irgendwie ein bißchen, dass es mal ein Konzert auf dem ZMF gibt, dass eher zu laut als zu leise ist, wie z.B. letztes Jahr, als im selben Zelt Les Yieux d'la Tête spielten... Die Lautstärke passt jedenfalls perfekt zur Musik: Bluesrock mit einer verzerrten Gitarre, deren Sound sich ohne Probleme in Hard Rock oder auch Heavy Metal einfügen würde. Also die Gitarre von Andreas Kümmert, neben ihm spielt noch eine weiterer Gitarrist, der bis auf eine Ausnahme brav im Hintergrund die Rhythmusgitarre klampft, bei der Tour de France wäre das der klassische Wasserträgerjob. Wie gesagt, einmal wird
Jochen Thoma gefeatured und darf selber ein Lied singen, eine Country-Nummer. Für mich fällt der Song allerdings energetisch und sängerisch so weit ab, ich hätte ihn absolut nicht gebraucht. Da Andreas Kümmert aber mit Thoma auch im Duo auftritt, ist dies wohl eine freundschaftliche Geste und geht deshalb voll in Ordnung. Überhaupt merkt man sofort, dass der Hauptakteur des Abends ein aufmerksamer, sensibler Zeitgenosse ist, der wenig Aufhebens um seine Person macht, dem es um die Musik geht, der er sich ganz und gar verschrieben hat. Schnörkellos und authentisch zieht er sein Ding durch, ohne lange Reden zwischen den Liedern, ohne Show und ohne Firlefanz. Was mich persönlich etwas
irritiert, ist, wenn Kümmert in den Ansagen der Songs, die ausnahmslos auf Englisch sind, teilweise zwischen deutscher und englischer Sprache wechselt, also mal was auf deutsch über sich oder den nächsten Song erzählt und dann mit "So are you ready, let's rock it!" fortfährt, bevor er anfängt zu spielen. Aber vielleicht bin ich da auch speziell sensibel, weil ich selber Sänger bin, in beiden Sprachen singe, aber versuche, das möglichst zu trennen. Eine Schwierigkeit, der man in der Musik immer wieder begegnet: die englische Sprache, in der selbst der größte Blödsinn so wunderbar groovy-soulig-sexy klingt, und die deutsche mit ihrer treffsicheren, analytischen Präzision, die klanglich so ganz anders geartet ist.
Kümmert covert bekannte Songs wie "Ain't No Sunshine" von Bill Withers, macht aber sein eigenes Ding draus, indem er die ikonische Stelle mit den Wiederholungen von "I know" weglässt und stattdessen mit seiner Gitarre ein fettes Solo rockt, er spielt aber auch Eigenkompositionen. Und da ich mit seinem Schaffen nicht so vertraut bin, kann ich etztendlich nicht sagen, welcher Song von ihm, und welcher ein Cover ist – was für den Gesamtsound spricht, der ist wie aus einem Guß. Dazu trägt auch die Chemie der Bandmitgleider untereinander bei, Kümmert und sein Rhythmusgitarrist teilen sich die Bühne mit einem Bassisten und einem Schlagzeuger – die klassische Rock/Bluesbandbesetzung also, und alle spielen zusammen, nicht für sich. Von kleinen solistischen Momenten der anderen ist die Show aber ganz klar auf Andreas Kümmert zugeschnitten und der kann die tragende Rolle als Frontmann mehr als ausfüllen. Denn neben seinen gesanglichen Qualitäten weiß er auch an der Gitarre zu überzeugen und holt alles aus seiner Klampfe raus. Immer wieder wenn man denkt, jaja, jetzt ist aber gut mit dem Blues, kommt nochmal eine neue Variation im Spiel vor, einmal wird es sogar jazzig-chromatisch. Davon hätte ich mir dann noch mehr gewünscht, und manchmal waren es mir ein paar Kurven und Blues-Licks zuviel – zur absoluten Meisterschaft fehlten für mich dann noch die Momente, wo vielleicht nur ein
langer, langer Ton stehen bleibt oder auch die eine oder andere Pause, die die Phantasie, das Herz und den Bauch befeuert. Aber wie schon gesagt, Andreas Kümmert ist durch und durch authentisch, man nimmt ihm alles ab, was er sagt und singt und spielt. Und seine Stimme ist gereift und noch (ausdrucks)voller geworden, wenn man sie mit den Anfängen vergleicht, als er 2013 bei der deutschen Version von The Voice gewann, und auch damals stimmlich schon großartig war. Man hört, dieser Mensch hat was erlebt und kann die Zuhörenden daran teilhaben lassen. Aber genau wie bei seinem Gitarrenspiel höre ich noch Potential, auch, was die Texte angeht, bei denen doch meist das gute alte Rennpferd Liebe gesattelt wird, und zwar eher auf einfache Art und Weise. Aber vielleicht ist Andreas Kümmert eben genau dieser "Simple Man" aus seinem Song, mit dem er schließlich damals The Voice im Finale für sich entscheiden konnte. Einmal spielt er während eines Solos die Gitarre kurz mit der Zunge – weil er nicht anders konnte, oder weil er es halt kann und kurz mal zeigen will? Manchmal schimmert etwas Ambivalentes, herrlich Verrücktes in seinen Ansagen
durch, dass mich an Helge Schneider erinnert – Weisheit in der Absurdität, im Komischen. Und die zweite Zugabe – eine Elvis Presley – Nummer – nach einer Textzeile abzubrechen, dann erzählend gänzlich abzuschweifen, man meint, es ist vorbei – und ansatzlos geht es dann doch weiter, nochmal Rock'n'Roll in die Vollen, das ist grandios. Vor den Zugaben sagt er, dass er, auch wenn sie 3-4 Mal pro Woche spielen, so eine Zuneigung und so eine tolles Publikum wie hier in Freiburg noch nicht erlebt hat – und er scheint das ernst zu meinen, meinen zu wollen. Die Band jedenfalls stellt er erst bei den Zugaben vor, damit hatte er wohl schon gerechnet. Man darf gespannt sein, wohin und wie sich Andreas Kümmert noch entwickeln wird. Für mich gehört er aktuell mit zu den besten deutschen Musikern und ich bin froh, ihn live singen gehört zu haben. Und falls er sich wie ich irgendwann entscheidet, fortan auf Deutsch zu texten und zu singen – meine Begleitung hat schon einen Vorschlag für den Namen des Albums: Andreas Kümmert – "Sich." .

