Cannes Blog 18. Mai

Montag, 18. Mai 2009

Das Wichtigste sind die Listen...

absperrungen1Auf der Croisette, der prominenten Uferpromenade von Cannes, versammelt sich eine riesige Traube Menschen. Dahinter, hinter eisernen Absperrgittern und finster blickenden Sicherheitsmenschen, nochmals gut hundert Leute. Die draussen haben alle Kameras in der Hand, die drinnen auch. Aber draussen steht man auf Zehenspitzen, drinnen auf mitgebrachten kleinen Klappleiterchen, draussen sind es tragbare Digitalkameras, drinnen Monsterapparate mit riesigen Objektiven: Man sieht sofort, wo die Profis sind: Da, wo es wichtig ist, sprich: Wo nicht jeder hinkommt!

Cannes Blog 18. Mai

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absperrungen1
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Montag, 18. Mai 2009

Das Wichtigste sind die Listen...

Auf der Croisette, der prominenten Uferpromenade von Cannes, versammelt sich eine riesige Traube Menschen. Dahinter, hinter eisernen Absperrgittern und finster blickenden Sicherheitsmenschen, nochmals gut hundert Leute. Die draussen haben alle Kameras in der Hand, die drinnen auch. Aber draussen steht man auf Zehenspitzen, drinnen auf mitgebrachten kleinen Klappleiterchen, draussen sind es tragbare Digitalkameras, drinnen Monsterapparate mit riesigen Objektiven: Man sieht sofort, wo die Profis sind: Da, wo es wichtig ist, sprich: Wo nicht jeder hinkommt!


Ich auch nicht. Ich habe eine Presseakkreditierung, aber eine von einem freien Radio... und bin dershalb nicht wichtig genug.
Wie gesagt, das Wichtigste sind die Listen.

kunstschnee1
kunstschnee1
Disney promotet seinen naechsten Weihnachtsfilm. Im Mai. Bei strahlendem Sonnenschein. Fast 30 Grad, Affenhitze, an der Croisette stehen ueberall Palmen. Nicht ganz das richtige Ambiente, aber Cannes ist nunmal Cannes, und das ist einmal im Jahr, da kann man sich die Jahreszeit nicht aussuchen. Nichtmal Disney. Und das will was heissen.

Neben dem entscheidenden Eingang, jenem an den Eisengittern, also dem, der die vielen drinnen und die noch mehr draussen voneinander trennt, steht ein Herr im schwarzen Anzug. Ich zeige ihm hoeflich meine offizielle Festival-Presseakkreditierung, er laechelt nur muede, und fragt mich (die Antwort schon ahnend), ob ich auf der Liste stehen wuerde. Was fuer eine Liste? Ob ich eine Einladung habe? Woher?
Habe mich nicht nur als nicht eingeladen, sondern, schlimmer noch, als ahnungslos geoutet. Er laechelt ein Laecheln, das man bei wohlwollender Interpretation gerade noch als hoeflich bezeichnen koennte, und schuettelt den Kopf. Ich komme nicht rein.

Hinter den Gitterstaeben sehe ich eine Frau herumwuseln. Sie sieht wichtig aus. Duch die Absperrung rufe ich ihr zu, sie kommt her, ich frage, ob ich rein darf. Presse, Deutschland, Radio. Sie fragt mich hoeflich: Sind Sie eingeladen? Stehen Sie auf der Liste? Sind Sie akkreditiert?
Klar bin ich akkreditiert, ich halte ihr meine Pressekarte des Festivals vor die Nase. Nein, nein, fuer dieses Promotion-Event akkreditiert?
Natuerlich nicht, habe ja vor fuenf Minuten erst davon erfahren. Macht doch aber nix, oder? Drinnen ist Platz genug, kann ich sehen, und ich berichte ja auch drueber - tue ich naemlich gerade, liebe Leser, und ich wette meinen Allerwertesten, dass die Haelfte der Wichtigtuer, die drinnen sind, niemals auch nur eine Zeile darueber schreiben, sondern nur wegen der Schnittchen und dem Umtrunk drinnen ist.


schaumwein
schaumwein

"Sorry. Your publisher should have put you on the list. You should no that. We can't let in everybody!" Sie entschwindet.

 Frechheit. Presse ist Presse, ich bin Filmredakteur, drinnen ist Platz genug. Aber, wie gesagt, ich bin nicht auf der Liste.

Deshalb folgt umgehend die Rache: Bitte gehen Sie, lieber Leser, im folgenden Dezember auf keinen Fall in "A Christmas Carroll". Es ist die ca. 17.000 Verfilmung der schoenen alten Dickens-Geschichte, das braucht kein Mensch. Neben den klassischen Verfilmungen gibt es die wundervoll satirische Version in Form der "Muppets Weihnachtsgeschichte". Die ist bestimmt viel besser. Scrooge und Kermit. Und singendes Gemuese. Ueberhaupt das beste singende Gemuese der gesamten Filmgeschichte (soweit ich das beurteilen kann - aber ich kenne mich aus in dem Bereich!).
Ausserdem spielt Jim Carrey mit. Der hat zwar ein paar gute Filme gemacht (zum Beispiel "Der Mondmann"), aber auch sehr viele ganz doofe. Und ich finde es immer sehr stressig, dem hyperaktiven Carrey zuzusehen. Das tut einem nicht gut und kann nicht gesund sein - schon gar nicht fuer Kinder, die ja heutzutage fast alle unter Hyperaktivitaetsverdacht stehen (Computerspiele, Sie wissen schon...). Also lassen Sie es einfach.

Ausserdem wurde der gesamte Bereich der Croisette vor dem Carlton-Hotel nicht nur abgesperrt (hatte ich schon erwaehnt, nicht wahr?), sondern unter die schoenen Palmen wurden nicht sehr geschmackvolle weisse Weihnachtsbaeume gestellt. Und nicht nur, dass wir alle mit Weihnachtsmelodien berieselt wurden, waehrend wir darauf warteten, dass sich Herr Carey oder einer seiner Komplizen sehen liess, nein, dazu wurde der ganze rote Teppich vor dem Carlton, die Plastikweihnachtsbaeume, die Palmen und ueberhaupt alles und jeder in Reichweite mit vier riesigen Schneemaschinen zugestaubt. Dicke weisse Styroporflocken oder sonst ein Zeug, das kann doch nicht umweltfreundlich sein.
Wollen Sie wirklich mit ihrer Kinokarte an Weihnachten den Styroporschnee von Cannes nachtraeglich gutheissen? Dieses weissen Machenschaften quasi im Nachinein das "o.k." geben? Bestaetigen, dass diese jahreszeitenfeindliche Werbestrategie aufgeht?

Mehr Schlechtes kann ich ueber den Film leider nicht sagen. Denn ich war ja nicht drin. Es wurden wohl auch nur ein paar kurze Szenen als Preview gezeigt, munkelt man. Mehr weiss ich auch nicht. Denn ich stand nicht auf der Liste... .

(Alex)

(Alle Fotos: Alexander Sancho-Rauschel)