So wars beim Orchestra Baobab im Burghof Lörrach

So wars beim Orchestra Baobab im Burghof Lörrach

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Ben Sock
Das Orchestra Baobab, das am 4. Juli 2026 im Rahmen des Stimmen Festival Lörrach im Burghof auftrat, hat seinen Namen dem Umstand zu verdanken, dass seine Wurzeln im wahrsten Sinne des Wortes in einem Club liegen, der sich Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts im Stadtteil Medina der senegalesischen Hauptstadt Dakar befand und der um einen Baobab-Baum herum gebaut worden war – dem Club Baobab.

Als die Band, ein neunköpfiges Orchester, zu spielen beginnt, hat man sofort ein Bild dazu – groß, mächtig, alle Musikstile Afrikas und das Publikum vom ersten Augenblick an umarmend. Die Bühnenbeleuchtung im Burghof, dem großen Konzertsaal des Stimmen Festival Lörrach, scheint die Farben und Formen zu spiegeln, in denen die Mitglieder gekleidet sind – ob Absicht oder nicht, ein weiteres stimmiges Bild entsteht.

Bevor die Musizierenden beginnen, sagt der Bandleader ein paar kurze Worte auf Französisch – eigentlich bedankt er sich nur beim Stimmen Festival und meint, dass er zufrieden wäre, weil heute seine Familie direkt vor ihm säße. Dann stellt er sich an die Timbales, und schon legt das Orchestra Baobab los.

Es sind insgesamt sieben Musiker, ein Sänger und eine Sängerin auf der Bühne versammelt, und dementsprechend dicht präsentiert sich der Sound des Orchesters. Zwei Gitarren spielen in typischer Afro-Sound-Manier, wobei einer der beiden vorne steht und auch viele Soli spielt, während der andere etwas im Hintergrund auf einem Barhocker sitzt und für den Klangteppich zuständig ist, auf dem die Akteure im Vordergrund das Publikum auf ihre musikalische Reise einladen. In der ersten Reihe stehen neben dem Gitarristen zwei Saxophonisten (Alt- und Tenorsax), die Sängerin und der Sänger.

Und die bieten nicht nur was für die Ohren, sondern bewegen sich auch immer wieder in kurzen Choreografien und abgestimmten Tanzschritten über die Bühne. Es wirkt einstudiert, aber leicht – so, als ob Sound und Bewegungen über all die Jahre, immerhin gut 50 Jahre Bandgeschichte, gewachsen und gereift sind. Manchen Bewegungen sieht man die reiche und lange Geschichte der Band an – und wenn auch das Orchestra Baobab stilistisch ganz woanders unterwegs ist, könnte man durchaus Parallelen etwa zur Band von James Brown ziehen: Das Orchestra Baobab ist ein Tanzorchester im klassischen Sinne, bei dem nicht nur die Musik zählt, sondern auch, wie sich die Mitglieder präsentieren und bewegen.

Was nicht ganz dazu passt, ist der Umstand, dass der Burghof bestuhlt ist und fast alle Zuhörenden demzufolge sitzen – bis auf ein paar Tanzlustige, die ihre Plätze verlassen haben und jeweils an den Seiten des Saales tanzend das Konzert verfolgen. So kann das offenbar nicht bleiben, befindet einer der Saxophonisten, und fordert nach einer knappen halben Stunde alle Übrigen auf, sich ebenfalls zu erheben. Toll, das gesamte Publikum folgt der Aufforderung, und ich, der sich den Tanzenden schon vor einiger Zeit angeschlossen hatte, verfolge mit großem Vergnügen, wie junge und vor allem eher ältere Menschen aufstehen, um sich zu den Klängen des Orchesters zu bewegen. Das nachfolgende Lied beginnt balladesk, ohne Percussion – die Aufgestandenen müssen da erst mal durch, aber ich denke mir, dass es ganz allgemein darum geht, dass man sich zu dieser Musik im Stehen bewegt und so daran teilnimmt, statt passiv auf seinem Stuhl zu sitzen. Nachdem das Konzert eine Weile fortgeschritten ist, setzen sich auch viele wieder hin, aber fortan hat die Veranstaltung eine andere Qualität bekommen, und vor allem zum Ende hin wirkt es wie ein friedvolles Tanzritual, zu dem alle eingeladen sind.

Der Bandleader, der mit Familienbegleitung im Publikum sitzt, gehört zur älteren Generation des Orchesters, ist schon seit Anfang der 70er dabei und wechselt zwischen Timbales und vollem Drumset, wodurch noch mehr Bandbreite entsteht. Von reiner Percussion wie bei einem kubanischen Orchester – hier erinnern die Klänge oft an den Buena Vista Social Club oder an dessen Pianisten Rubén González – bis hin zu polyrhythmischem Westafrika-Sound: Der Sound des Orchestra Baobab vereint mehrere Musikstile. Die stilistische Nähe zu kubanischer Musik ist kein Zufall: Die Band kombiniert diese mit Klängen aus dem südlichen Senegal und nahm Anfang der 2000er im Zuge einer Reunion sogar zusammen mit dem Sänger Ibrahim Ferrer vom Buena Vista Social Club auf. Neben dem Bandleader gibt es einen weiteren Percussionisten, der vor allem Congas spielt, und natürlich darf ein Bass bei dieser Art von Musik nicht fehlen – in diesem Fall ist es ein E-Bassist, der ohne groß aufzufallen für die nötige Basis sorgt.

Ich sprach vom dichten Sound, der durch die neun Musizierenden entsteht, und das wäre einer der wenigen Kritikpunkte: Es gibt relativ wenig Variation, was Dynamik betrifft – im Prinzip spielt die Band fast immer in gleicher Lautstärke, und insgesamt eher viele als wenige Töne. Der Bass soliert nur bei der Bandvorstellung, und ich habe auch nur ein Conga-Solo in Erinnerung. Dazu kommt, dass es mit zweimal Sax und zweimal Gitarre nicht so viel Abwechslung im Sound gibt. Es ist halt wirklich Tanzmusik, nicht unbedingt Musik zum Zu- und Hinhören – jedenfalls nach einer Weile.

Dafür holt der Bandleader nach einer knappen Stunde seine Familie und die senegalesische Community auf die Bühne, und so tanzen dann 15 Leute mehr dort oben, was durchaus schön aussieht und gute Laune macht. Und eine Dame im funkelgrünen Kleid setzt dann noch einen drauf und zieht am Bühnenrand eine kleine Solo-Show ab, die Go-Go-Tänzerin-Qualität hat.

Die Lieder sind oft lang, um die sechs, sieben Minuten, und es gibt viel Platz für Improvisationen, wobei der Sänger nach einer guten Viertelstunde das Publikum zum Mitwirken auffordert, indem er als Vorsingender agiert und dann auf unsere Antwort wartet. Allerdings scheint der Song in einer mir unbekannten Sprache zu sein, und selbst für mich als Musiker ist die vorgesungene Melodie nach der langen Note am Anfang ziemlich komplex, was Rhythmus und Klang angeht. Egal, das Publikum versucht brav mitzusingen, und der Sänger improvisiert gekonnt in den Pausen dazwischen. Dann löst ihn der Altsaxophonist ab, und das Mitsingen hält sich noch eine Weile.

Nach etwa 70 Minuten ist das reguläre Konzert vorbei. Die Senegalesen lassen sich aber nicht lange bitten, kommen wieder auf die Bühne, spielen noch einmal eine zwölfminütige Nummer und lassen schließlich ein glückliches Publikum zurück. Angekündigt war eine Konzertlänge von insgesamt 1 Stunde 50 Minuten, und ich frage mich, ob die Band vielleicht auch viel länger gespielt hätte, wenn die Zuhörerschaft noch begeisterter gewesen wäre. Immerhin haben viele Leute dann doch getanzt, und es gab zum Glück auch den nötigen Platz zwischen den Stuhlreihen, aber ich kann mir vorstellen, dass die Formation unter anderen Bedingungen und vielleicht mit einem etwas jüngeren Publikum auch noch länger zum Tanz aufgespielt hätte …

Fazit: ein schönes, bereicherndes Konzerterlebnis – und vielleicht sollte man das Orchestra Baobab noch einmal unter freiem Himmel erleben.

 

Autor*in

Burkhard Finckh