... beim Zeltival in Karlsruhe
Ihr hört aus diesem Anlass ein schon etwas älteres Interview mit Gitarrist Rick Mc Phail, der ja seit einigen Jahren aus gesundheitlichen Gründen pausiert.
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Es gibt Bands, die man hört. Und es gibt Bands, über die man spricht, schreibt, streitet, promoviert – manchmal fast mehr, als man sie hört. Tocotronic gehören seit Jahrzehnten zu letzterer Kategorie. Angefangen hat alles im Hamburger Schrammel-Indie-Keller, irgendwo zwischen Trainingsjacke und Trotz – und heute? Heute landen sie auf den Kulturseiten der großen Feuilletons, werden von Soziologen zitiert und von Deutschlehrern interpretiert. Vom Underground zum Gegenstand der Generaldebatte über die eigene Generation – das ist, wenn man so will, eine der ungewöhnlichsten Karrieren der deutschen Popmusik.
Dabei sind die Texte von Dirk von Lowtzow nie einfacher geworden – im Gegenteil. Sie sind dichter, vielschichtiger, ambivalenter. Und genau das macht Tocotronic zu einer Projektionsfläche: Jede*r hört etwas anderes heraus, jede Generation liest ihre eigenen Fragen in diese Songs hinein. Sind das nun politische Statements, ironische Brechungen oder einfach gute Popmusik mit klugen Texten? Die Band selbst gibt darauf, wie wir hören werden, keine einfache Antwort – und genau das ist vielleicht ihre größte Stärke.
In unserer zweiteiligen Sendung aus dem Jahr 2013 blicken wir zurück auf zwei Jahrzehnte Tocotronic, auf das Spannungsfeld zwischen Ernst-genommen-werden-wollen und der Angst, zu ernst genommen zu werden, und auf die Frage, wie eine Band mit deutschen Texten und sehr undeutscher Attitüde zur – wie es ein Kritiker einmal nannte – "deutschesten Band der Welt" werden konnte.
Auf dem 2013 erschienenen Album "Wie wir leben wollen" – dem ersten großen Werk nach dem Abschluss der vielbeachteten Berlin-Trilogie - befinden sich 17 Songs, fast siebzig Minuten Spielzeit, eine bewusste Pause mitten auf der Platte – und dieses Album kommt mit einem ungewöhnlichen Gepäck: 99 Thesen, die die Band selbst nicht ganz ernst genommen wissen will – auch wenn natürlich gerade dieses Spiel mit großen Gesten und kleinen Ironien typisch tocotronisch ist.
Im Zentrum aber steht eine überraschend einfache, fast unzeitgemäße Frage: Wie wollen wir eigentlich leben? Nach zwanzig Jahren (1993-2013), die viel mit Verweigerung, Pose und Status quo-Kritik zu tun hatten, wagt sich die Band erstmals an einen positiven Gegenentwurf. Es geht um Mittelmaß als mögliche Utopie, um die Endlichkeit des Lebens, um Tod als das letzte große Tabu – und darum, wie man über all das sprechen kann, ohne in Kitsch oder Pathos zu verfallen.

