Hassrede gegen Aktivist*innen nimmt mehr Raum ein: Zeinab Shubber über die Verteidigung ziviler Räume in Irak

Zeinab Shubber über die Verteidigung ziviler Räume in Irak

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Junge Frau zeigt stolz die lila Stempelfarbe an ihrem Finger zur Signatur der Wahl
Im Mai 2018 gaben viele junge Menschen zum ersten Mal ihre Stimme ab. Im Rahmen des Iraq Elections Support Program führte Creative Associates International Wähleraufklärung durch und förderte die Wahlbeteiligung von Binnenvertriebenen und Minderheiten
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Foto: Jim Huylebroek für Creative Associates International

Hassrede und Diffamierung auf der einen Seite, Kunst und Musikfestivals für Menschenrechte auf der anderen: Im Irak verengen sich die zivilgesellschaftlichen Räume, obwohl die Zahl der zivilgesellschaftlichen Akteure zugenommen hat. Wie passt das alles zusammen? Darüber sprachen wir mit Zeinab Shubber vom »Informationszentrum für Forschung und Entwicklung«. Sie berichtet über friedensfördernde praktische Arbeit von NGOs und Jugendverbänden, während der Staat und wenig kompromissbereite Gewaltakteure oft kontraproduktiv für ein friedliches Zusammenleben agieren. 23:21

 

zum Hintergrund:

Nach dem Sturz Saddam Husseins im Jahr 2003 und der Einführung einer neuen Verfassung 2005 hofften viele Menschen im Irak auf einen demokratischen Neuanfang und ein Leben in Frieden. Doch Terroranschläge, bewaffnete Konflikte und politische Krisen prägten das Land weiterhin.

Ab Oktober 2019 gingen Hunderttausende Menschen in ganz Irak auf die Straße. Die Protestbewegung wurde als Oktoberrevolution oder Tishreen-Proteste bekannt– Tishreen bedeutet auf Arabisch schlicht »Oktober«  Diese Bewegung bestand aus einer anhaltenden Welle von Demonstrationen, Sitzstreiks und zivilem Ungehorsam. Die Demonstrierenden protestierten gegen Korruption, Arbeitslosigkeit, mangelnde öffentliche Dienstleistungen.

Die Lage spitzte sich schließlich zu und die Proteste wendeten sich gegen den Einfluss ausländischer Mächte (vor allem des Iran). Gefordert wurde Rechtsstaatlichkeit und eine Politik, die den Interessen der Bevölkerung dient – am Ende lautete die Forderung, die Regierung zu stürzen und die iranische Intervention im Irak zu stoppen.

Die irakische Regierung setzte Tränengas und Waffen gegen Demonstranten ein, es gab zahlreiche tote. Premierminister Adil Abdul-Mahdi kündigte schließlich seinen Rücktritt an.

Auch Jahre nach den Tishreen-Protesten ist ihre Geschichte nicht abgeschlossen. Bis heute erinnern Angehörige und Aktivistinnen und Aktivisten an die getöteten Demonstrierenden und fordern Gerechtigkeit. Erst vor wenigen Tagen, im Juni 2026, sorgte ein Vorfall in der südirakischen Stadt Nasiriyah für Aufmerksamkeit: Eine Prozession, die an die Opfer der Tishreen-Bewegung erinnert, durfte nicht an den traditionellen Aschura-Feierlichkeiten teilnehmen, weil die Organisatoren Fotos der getöteten Demonstrierenden zeigen wollten. Die Prozession wurde daraufhin abgesagt. Der Vorfall zeigt, dass die Erinnerung an Tishreen bis heute politisch umkämpft ist.

Zeinab Shubber vom »Informationszentrum für Forschung und Entwicklung« sprach mit Ali und Johannes vom südnordfunk. Sie erwähnt, dass internationale Fördermittel stark zurückgehen und die Arbeit an zivilgesellschaftlichen Strukturen unter Druck steht.

Seit den Tishreen-Protesten hat die irakische Zivilgesellschaft deutlich an Sichtbarkeit gewonnen. Neben den inzwischen rund 10.000 registrierten Organisationen in den vom Bund und der Kurdischen Regionalregierung geführten Registern entstand vor allem eine neue Generation junger, oft informell organisierter Initiativen und Netzwerke.

Autor*in

südnordfunk-redaktion