Vor 20 Jahren nahm das Rote Khmer Tribunal seine Arbeit auf. 2025 war ein wichtiges Gedenkjahr in Kambodscha. Die drei zentralen Erinnerungsorte an den Genozid der Roten Khmer wurden in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen: Tuol Sleng S-21, Choeung Ek und das ehemalige M-13-Gefängnis. Orte, an denen die Verbrechen eines der weltweit umfassendsten Genozide verübt wurden. Wichtiger noch ist die konkrete Friedensarbeit vor allem auch mit jungen Menschen, die bis heute vor der Frage stehen: Wie kann man vergeben, ohne zu vergessen? Von Jules Duffner und Johanna Bächle
Hier ist das Skript zur Sendung
Intro:
In dem südnordfunk-Projekt Was bedeutet Frieden für dich, schauen wir auf sehr unterschiedliche Friedensinitiativen und auf die praktische Friedensarbeit im Globalen Süden. Martina, erzähl doch mal, was für Fragen habt ihr da so gestellt? Kann Frieden funktionieren, wenn Täter*innen nicht bestraft werden? Oder kann Frieden gerade dadurch entstehen, dass ehemalige Gegner*innen wie Rebellen oder Milizen wieder in die Gesellschaft integriert werden? Was ist wichtiger: Gerechtigkeit oder Stabilität? Und wer darf darüber entscheiden – der Staat oder die Opfer?
Diese Fragen sind für das Konzept von Transitional Justice zentral, als Übergangsjustiz nach einem Kriegsverbrechen verstanden. Die schwierige Frage ist immer: Wie viel Gerechtigkeit kann eine Gesellschaft durchsetzen, ohne einen gerade erreichten Frieden zu gefährden? Oder anders gefragt: Wie viel Straflosigkeit kann eine Gesellschaft akzeptieren, ohne dass Opfer das Vertrauen in den neuen Frieden verlieren?
Diese Spannung ist für das Land Kambodscha zentral. Zwischen 1975 und 1979 wurden unter der Herrschaft der Roten Khmer fast zwei Millionen Menschen ermordet oder starben an Hunger, Krankheiten und Zwangsarbeit. Das von der kambodschanischen Regierung und den Vereinten Nationen unterstützte Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia – bekannt als Rote Khmer Tribunal – nahm seine Arbeit erst 2006 auf.
Und damit über ein Vierteljahrhundert nach dem Sturz des Terrorregimes, das einen Genozid zu verantworten hat. Auch 20 Jahre später ist das Schweigen im Land verbreitet. Unsere Kolleg*innen Julia und Johanna sprach mit zwei Akteuren aus Phnom Penh über ihre tägliche Arbeit in der gesellschaftlichen Aufarbeitung der schweren Menschenrechtsverletzungen: mit dem Direktor des Tuol-Sleng Genocide Museum, Nissay Hang, und mit Bunthea Ly, Programmdirektor einer kambodschanischen NGO, dem Youth Resource Development Program. Das Museum ist staatlich geführt, die Organisation ist nichtstaatlich. Somit sprechen die beiden Interviewpartner aus unterschiedlichen Positionen.
Der Konflikt ist sehr komplex und kann daher hier nur andeutungsweise skizziert werden. Der Fokus des Beitrages liegt auf der Friedensarbeit an der Basis. Die versucht, als Gegenstück zu juristischen und politischen Werkzeugen der Aufarbeitung der Verbrechen, im direkten Kontakt mit der Zivilbevölkerung, zu Wahrheitsfindung und Versöhnung beizutragen.

