Lesekränzchen-Buchtipp 3: Altes Land / Dörte Hansen

Altes Land / Dörte Hansen

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Quelle: 
Penguin-Verlag

Ein trocken bissiger Roman über das Landleben und ein einfühlsames Buch über die Traumata von Flucht und Vertreibung - über Generationen hinweg. Birgit Huber empfiehlt es mit Begeisterung:

" Hildegard von Kamcke hatte keinerlei Talent für die Opferrolle"

In der Tat ist Hildegard von Kamcke nicht als Opfer geeignet. Schließlich ist sie alter ostpreußischer Adel und das bleibt sie auch, als sie 1945 halberfroren mit ihrer Tochter Vera auf einem Gutshof im Alten Land an der Elbe strandet. Dort hat allerdings Ida Eckhof das Sagen. Ihr Mann ist tot und ihr Sohn Karl ist nicht mehr der Alte, als er aus dem Krieg heimkehrt. So schmeißen die zwei Frauen den Hof, bekriegen sich im wahrsten Sinn des Wortes bis zum Tod und schließlich erbt das Flüchtlingskind Vera den Hof.

Vera schlägt keine Wurzeln. Eher klammert sie sich wie Moos an das alte Gemäuer. Blüht und wächst nicht. Aber bleibt. So schön beschreibt Dörte Hansen das.

60 Jahre später strandet wieder eine Geflüchtete auf dem Hof. Anne. Veras Nichte. Annes Liebster hat jetzt eine Andere. Aus dem Vollwert-Bio-Style Viertel Hamburg Ottensen – für die Freiburger HörerInnen: ich stelle mir das Vauban-mäßig vor – zieht sie mit dem vierjährigen Leon auf den Gutshof zu Vera.

Die beiden kommen gerade an. Zitat:

"Ein grüner John-Deere- Kindertraktor mit Frontlader kam rückwärtzs in die Einfahrt rangiert. Der Fahrer war ungefähr in Leons Alter und trug einen professionell aussehenden Overall und ein Raiffeisen-Cap. Langsam stieg er ab, kam mit ausgestrecktem Arm auf sie zu und öffnete seine Faust, in der ein großer, toter Falter lag. er zog die Nase hoch, wischte mit dem Örmel einen Schnodderfaden weg und sagte: "Ein Schädling. Frostpanner." Dann ließ er ihn falllen, trat zur Sicherheit noch einmal Kräftig mit dem Fuß darauf, drehte sich auf der Ferse einmal um die eigene Achse, bis der Falter zermalmt war, tippte mit dem Finger and den Schirm seiner Mütze und strampelte davon.

Leon, der den Auftritt schweigend verfolgt hatte, ging zu dem plattgetretenen Falter und murmelte "Frostspanner", als lernte er die erste Vokabel einer fremden Sprache."

Neben den Traumata von Krieg, Flucht und Vertreibung, ist der Clash der Kulturen zwischen Stadt und Land ein Thema von Dörte Hansen, das sie bissig und genüsslich auswalzt. Alle kriegen ihr Fett weg. Die Landlust-Leser aus der Stadt, alte Bauern, die wortkarg jede Veränderung ablehnen, die Bio-Kundschaft, die sich nur zu gern verarschen lässt. Mit Witz und Eleganz führt Dörte Hansen sie vor aber nur wenigen versagt sie ihre Sympathie völlig und denen zu Recht, wie ich finde.

So kommt dieser Roman leichtfüßig daher und verhandelt doch schwere Themen. Vera, Anne, ihre Mutter, alle haben Schwierigkeiten zu lieben und sich lieben zu lassen. Die Kälte der Flucht aus dem damaligen Ostpreußen hat sich in ihren Herzen eingefroren. Und das, obwohl Anne und ihre Mutter fast nichts über diese Flucht wissen. Die beiden begeben sich irgendwann auf eine dieser Heimwehtouren nach Polen. Wie die meisten, erfahren sie keine Heilung. Dörte Hansen schreibt darüber ohne Pathos – es bleibt der klägliche Versuch, der so eine Heimwehtour eben ist.

Es kommen quasi nur Opfer vor in Hansens Roman. Täter werden nicht benannt. Kein einziger Verweis auf den deutschen Nationalsozialismus. Das gefällt mir nicht.

Andererseits wird das Thema der Flucht dadurch universaler. Das Buch ist deshalb nicht nur für Menschen aus sogenannten Vertriebenen-Familien gewinnbringend zu lesen, sondern auch im Hinblick auf die Menschen, die derzeit hierher flüchten.

Den Roman gibt’s schon als Taschenbuch für 10 Euro. Beim Penguin-Verlag. Altes Land von Dörte Hansen. Ich habe es mit viel Begeisterung gelesen.