Symbiotische Beziehungen: Flechten - Barbara Schibli

Flechten - Barbara Schibli

Flechten.jpg

Quelle: 
Dörlemann-Verlag

Flechten bestehen aus der Symbiose zweier Lebewesen: Pilz und Alge. Sie sind extrem aufeinander angewiesen. Ähnlich geht es Anna und Leta, den Zwillingen aus Barbara Schiblis Debutroman. Als Kinder sind auch sie extrem aufeinander angewiesen. Mittlerweile sind sie erwachsen und Anna ist Flechtenforscherin geworden. Daher erfährt man in diesem Roman nicht nur viel über Symbiose und Abgrenzung von Zwillingen sondern auch jede Menge über Flechten. Birgit Huber hat der Roman gut gefallen:

Anna ist Flechtenforscherin. Sie  mikroskopiert und kategorisiert in einem Zürcher Labor Cladonien, eine Flechtengattung, die es ihr besonders angetan hat.
Flechten, erfahren wir, sind besondere Wesen. Sie bestehen aus einer Symbiose aus Pilz und Alge. Zwei Lebewesen, die sich perfekt aneinander angepasst haben und nur miteinander überleben können. Zart und unheimlich zäh.
So könnte man auch Anna und ihre eineiige Zwillingsschwester Leta beschreiben. Und das ist kein Zufall, denn in diesem dichten Debutroman von Barbara Schibli ist kein Wort dem Zufall überlassen. Zart und unheimlich zäh sind die Zwillinge seit ihrem sechsten Lebensjahr extrem aufeinander angewiesen. Der Vater verlässt die Familie, die Mutter verkraftet das nur mit Hilfe chronischen Medikamentenmissbrauchs und den Mädchen bleibt lediglich die Großmutter, die allerdings wenig in der Realität verhaftet ist. Nie hat sie das Dorf verlassen, aber in ihrer Phantasie, lebte sie das wilde Leben ihrer Mutter, Annas Urgroßmutter, zwischen Wölfen und Rentieren in Finnland. Vielleicht um sich zu irden, kümmert sie sich mehr um den Garten als um die Mädchen.
Ein wenig ist es,  als seien die Zwillingsseelen im Alter von sechs Jahren eingefroren. Und so ploppen in diesem Roman einer Selbstfindung immer wieder 6 jährige Mädchen auf. Ein Lesebeispiel. Wo sucht man sich heutzutage selbst? Bei Google:
(S. 53)
" Als müsste ich mich vergewissern, gebe ich meinen Namen bei einer Suchmaschine ein. Ich bin Mitglied eines Schwimmvereins in Herisau und lege in einer Diskothek in Novosibirsk auf, man hat mich gesehn in einer Bar, in der ich nicht war, und in einem Videoclip rennt mir ein sechsjähriges Mädchen entgegen, blutleer. Alles immer noch gleich, die Algorithmen identisch. Und dennoch wissen wir: Darauf können wir nicht bauen."

Worauf kann man aber bauen auf der Suche nach dem eigenen Ich? Erinnerungen sind brüchig und auch Bilder sind unzuverlässig. Zwilling Leta hat Anna seit ihrem sechsten Lebensjahr auf Schritt und Tritt fotografiert. Nun präsentiert sie ihre Sicht der Dinge mit einer Fotoausstellung namens „Observing the self“, die Anna in eine tiefe Krise stürzt. Denn Leta hat das einzige Merkmal, das die beiden unterscheidet und zudem die ambivalente Zwillingsbeziehung markiert, weg retouchiert.
Durch diese Krise begleitet der Roman die 34jährige Anna in a-rhythmischen Zeitsprüngen, stets eingebettet in Erkenntnisse aus der Welt der Flechten. Gar nicht so leicht zu trennen manchmal, die Cladonien und die Zwillinge:  (S. 14)
„Manchmal ist es zum Verzweifeln :Sie zu differenzieren - das Bestimmen der einzelnen Arten bei der Gattung der Cladonien ist äußerst schwierig. Die geringen Unterschiede in Größe und Form der Sporen und Conidien geben nichts Sichhaltiges her, die Verhältnisse in der Dicke und Abgrenzung der verschiedenen Schichten des Lagers und der Lagerstiele sind nicht so zuverlässig, als dass man darauf bauen könnte. Dazu kommt, dass Arten, die nahe beieinander wachsen, dazu tendieren, sich einander anzupassen und derart ähnlich zu werden, dass man sie nicht auseinanderhalten kann. Und was zunächst als indidueller Organismus wahrgenommen wird, ist häufig genetisch identisch mit den Nachbargewächsen.
Anna. Leta. Annaleta. Wir werden nach Unterscheidungsmerkmalen abgesucht. Aus Angst zu scheitern wird vermieden, uns mit Namen anzusprechen. Eineiige Zwillinge sind eine einzige Zumutung."

Barbara Schiblis Roman verflicht wort-akribisch und poetisch Annas Suche nach sich selbst mit  zeitgemäßen  Phänomenen wie Dentalhygiene, Feinstaub und urbaner Anonymität. Auch Vergangenheit und Gegenwart werden verwoben, örtlich switschen wir  zwischen Zürich, dem Engadiner Alpendorf Bever und Finnland. Außerdem erfährt man wie gesagt verdammt viel über Flechten. Hie und da überstrapaziert Schibli die Flechtenmetaphorik – muss denn die Mutter auch noch zart, feingliedrig und von erstaunlicher Zähigkeit sein? Abgesehen davon, habe ich dieses Sprachkunstwerk aber mit detektivischem Genuss gelesen und konnte auch im zweiten Durchgang noch Überraschendes entdecken. Man muss sich nicht exorbitant für Flechten oder die spezielle Problematik eineiiger Zwillinge interessieren. Der Roman seziert für alle gewinnbringend die Frage nach dem Ich in Beziehung zu anderen im postindustriellen Zeitalter. Und so folgen wir Anna bei ihrem strauchelnden Versuch, die ewige Umlaufbahn um sich selbst zu verlassen und womöglich das Wagnis einzugehen, in Beziehung zu treten.

Ich weiß nicht, ob ich den Roman eineiigen Zwillingen schenken würde, aber für alle anderen ist er unbedingt empfehlenswert: „Flechten“ von Barbara Schibli ist im September 2017 in gewohnt liebevoller Aufmachung beim Dörlemann-Verlag in Zürich erschienen und hat 186 Seiten.

Radio Dreyeckland, Birgit Huber