Peter Ullrich kritisiert die "Arbeitsdefinition Antisemitismus" der IHRA: Ist die geläufige Definiton von Antisemitismus zu vage?

Ist die geläufige Definiton von Antisemitismus zu vage?

Der Protest- und Antisemitismusforscher Peter Ullrich hat in einem Gutachten die geläufige Antisemitismusdefinition stark kritisiert. Diese sei in ihrem Kern äußerst vage gehalten, und in ihrer weiteren Ausgestaltung zu sehr auf die Konfliktlage zwischen Israel und Palästina zugeschnitten. Damit gerieten wichtige Kontexte, in denen Antisemitismus Verbreitung findet, aus dem Fokus. Außerdem führe eine häufig schablonenhafte Anwendung der "Arbeitsdefinition" dazu, dass darin nicht festgelegte Fälle nicht angemessen behandelt würden.

 

Peter Ullrich im Interview:

"Wir müssen quasi die komplexe Situation anerkennen, dass es einerseits antisemitisch grundierte Israelfeindschaft gibt, dass es aber auch einen realen Konflikt gibt, aus dem auch Feindschaft resultiert."

"In 7 von 11 Beispielen gibt es so einen Bezug zu Israel-Palästina, Nahostkonflikt, während andere Kontextualisiserungen von Antisemitismus, die 'ne ganz große Rolle spielen, weitgehend in Nebensätzen verschwinden. Also insbesondere der christliche Antijudaismus, und sein Weiterwirken im modernen Antisemitismus, und der Kontext Rechtsextremismus, der meines Erachtens weiterhin der entscheindende ist - die tauchen beide fast nur am Rand oder gar nicht auf."

"In der aktuellen Debatte um BDS in Deutschland, wird BDS erstens dargestellt (...) als wären sie das zentrale Problem des gegewärtigen Antisemitismus. Ich denke spätestens die Ereignisse von Halle sollten verdeutlicht haben, dass dem nicht so ist. (...) Man führt dann diese Debatte über BDS auf eine Art und Weise, die zwischen dieser BDS-Bewegung und dem nationalsozialistischen Judenboykott nicht mehr unterscheidet."