Lesekränzchen-Buchtipp 7: Leises Schlängeln / A.L. Kennedy

Leises Schlängeln / A.L. Kennedy

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Quelle: 
Karl Rauch Verlag

Im gleichen Verlag erschienen wie "Der kleine Prinz", ebenso poetisch aber weitaus vertrackter. Ein grandioses Kunstmärchen für Erwachsene und genau das Richtige zum Jahresende, findet Rosaly Magg.

„Mary mochte Honig und Pfeifen und die Farbe Blau und Sachen herausfinden.“

Dieser Satz steht gleich auf der ersten Seite der märchenhaften Erzählung „Leises Schlängeln“ der schottischen Autorin A.L. Kennedy. Er ist so schlicht gehalten wie die gesamte Erzählung, und genau diese Schlichtheit entfaltete beim Lesen einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Im Zentrum steht die phantasiebegabte, extrem kluge und furchtlose Mary, die eines Tages Besuch von einer hübschen, extrem schnellen und sprachgewandten Schlange bekommt.

Diese Schlange windet sich wie ein goldener Reif um den Knöchel des Mädchens – ganz wie ihre Artgenossin aus Saint-Exupérys „Kleinem Prinzen“. Auf den ersten Blick scheint es, als würde die Geschichte der Schlange aus dem Kleinen Prinzen nun einfach weitererzählt – nur dass anstelle eines Jungen eine Mädchenfigur zur Protagonistin wird. Aber diese Lesart wäre viel zu kurz gegriffen, unterscheidet sich Kennedys modernes Märchen doch ganz wesentlich. Denn bei Kennedy gibt es keine so einfachen Lehrsätze wie „man sieht nur mit dem Herzen gut“. Nein, die Geschichte ist weitaus vertrackter und umfasst ein ganzes Menschen- und Schlangenleben.

Die beiden so ungleich erscheinenden Wesen begegnen sich von Anfang an auf Augenhöhe. Rasch werden sie Freunde, und Mary nennt die Schlange Lanmo. Diese wacht über ihre menschliche Freundin, will sie beschützen und glücklich machen, so wie es echte Freunde eben tun – ein Leben lang. Fortan erfahren die Leserinnen und Leser nicht nur viel über große Freundschaften, sondern auch über das komplizierte Wesen der Liebe, das bei großen Freundschaften immer auch mitspielt:

„Mary glaubte, wenn man etwas liebe, würde es zu einem Teil von einem Selbst werden, so wie deine Füße ein Teil von dir sind. (Und es wäre wirklich sehr dumm, seine Füße nicht zu lieben – wenn man welche hat –, weil sie sehr nützlich sein können.)“

Es geht auch um Liebe in düsteren Zeiten, wo Menschen hungern und sich auf den Weg in eine bessere Zukunft machen. Lanmo kann jede erdenkliche Gestalt annehmen und reist um die Welt, um Menschen den Tod zu bringen, er ist „schneller als Drohungen oder Gerüchte“… Ganz im Kontrast zu seiner ultimativen Mission stehen seine zarten Gefühle zu Mary. Und so hadert Lanmo auch – als er endlich erkennt, dass er jetzt die Liebe kennengelernt hat, ab und an mit seiner Aufgabe, den Menschen den Tod zu bringen:

„Lanmo kehrte also mit seinem seit Kurzem schlagenden Herzen zu seiner Arbeit zurück und zog auf und ab durch die Welt. Er begegnete Holzschnitzern und Hubschrauberpiloten und Gitarristen und Schwimmern und Menschen, die von Ort zu Ort wanderten, weil sie das gern taten, und anderen Menschen, die von Ort zu Ort wanderten, weil sie kein Zuhause hatten, und Menschen, die gern pfiffen, und anderen, die gern paddelten und manchen, die gern auf Bäume kletterten. Er begegnete auch Menschen, die noch nichts oder niemanden zum Lieben gefunden hatten. Diese Menschen ließen sein Herz langsamer schlagen und schwer werden, und dies verstörte ihn.

 

Jeden Morgen leckte er mit seiner wunderbaren Zunge in die Luft und schmeckte, wo Mary sich aufhielt und ob sie glücklich war. Jeden Abend schickte er ihr lustige Träume und alberne Träume und Träume, in denen ihre Herzenswünsche in Erfüllung gingen, in denen sie mit Tigern schwamm und dann mit ihnen am Strand lag, während ihr Fell trocknete und sie schnurrten.

Und während er durch alle Länder reiste, die es gibt, war Lanmo bewusst, dass überall Menschen seine Arbeit für ihn erledigten. Es schien ihm sehr eigenartig, dass so viele Menschen so viele raffinierte Maschinen und so viele raffinierte Ausreden und so viele raffinierte Methoden verwendeten, um einander rasch aus dieser Welt zu befördern, wo doch alle Menschen sowieso irgendwann ihr Leben hinter sich lassen müssen.“

Für Lanmo sind die Menschen – außer Mary und ein paar wenigen anderen Ausnahmen – arme, verlassene Kreaturen, die wunderbaren Lügen mehr Glauben schenken als langweiligen Wahrheiten. Das herausragende an dieser kleinen und auf den ersten Blick wenig analytisch erscheinenden Erzählung ist, dass sie gleichzeitig poetisch UND politisch ist. Themen wie Armut und Migration, Tod und Fremdherrschaft sowie Außenseitertum, Anderssein und die Wahrnehmung von Wirklichkeit werden einfach und dennoch komplex verhandelt. „Leises Schlängeln“ ist ein grandioses Kunstmärchen für Erwachsene ohne simples Happy End – genau das Richtige zum Jahresende.

 

Leises Schlängeln von A.L. Kennedy ist im Karl Rauch Verlag 2016 erschienen und wurde von Ingo Herzke aus dem Englischen übersetzt. Es hat 112 Seiten und kostet 18 Euro

 

Rosaly Magg