Cannesblog Teil 4: Filme und Menschenmassen: Tarantino und ein Koreaner

Tarantino und ein Koreaner

Wie ihr seht, komme ich leider nicht so richtig viel zum Schreiben. Das Festival dieses Jahr ist sehr intensiv, nicht selten schaue ich fünf Filme am Tag. Wenn ich dann um Mitternacht oder später zurück im Appartement bin, packe ich das Laptop nicht mehr aus ...

Insgesamt habe ich bisher 35 Filme gesehen. Das richtige Highligt, wie im letzten Jahr beispielsweise Gräns (Border) oder Woman at war (Gegen den Strom), fehlt allerdings immer noch. Selbst der Tarantino heute Mittag, Once upon a time... in Hollywood, konnte nicht so richtig überzeugen. Trotzdem war Tarantinos neuestes Werk natürlich der am sehnlichsten erwartete Film an der Croisette. Bereits gestern Abend zur Premiere spielten sich am Einlaß tumultartige Szenen ab und auch heute, in der Vorstellung um 12 Uhr Mittags, waren die Schlangen schon lange vor Filmbeginn unüberschaubar lang. Diejenigen, die auf einen der Restplätze gehofft hatten und sich in der "Last-Minute"-Schlange angestellt hatten, die auch 1,5 Stunden vor Filmeginn bereits enorme Ausmaße hatte, wurden vollständig enttäuscht. Nicht einer der hoffnungsvollen Zuschauer wurde in den Saal gelassen. Vermutlich sind nicht einmal alle diejenigen hineingekommen, die es geschafft hatten, eine der begehrten "Einladungen" zu ergattern. Nächstes Mal versteigere ich meine Karte meistbietend, mal sehen, was Menschen bereit sind, dafür zu bezahlen. ;-)*

Einer meiner Lieblinge ist Stand heute immer noch der bereits erwähnte Le miracle du Saint inconnu. Sehr gut gefallen hat mir auch das marokkanische Drama Adam der Regisseurin Maryam Touzani. Der Film begleitet eine junge schwangere Frau. Wo sie herkommt, weiß man nicht, von wem sie schwanger ist, ebenfalls nicht und wo der Vater des ungeborenen Kindes ist erst recht nicht. Darum geht es aber auch nicht in diesem Film. Es geht allein um Samia, die versucht, sich alleine durchzuschlagen und schließlich bei der verwitweten Abla unterkommt, die sich und ihre kleine Tochter durchbringt, indem sie Backwaren verkauft. Abla weist die junge Frau zunächst ab, willigt aber schließlich ein, sie für ein paar Tage zu beherbergen, zumal ihre Tochter sich sofort zu Samia hingezogen fühlt. Aus dem vorübergehenden Zustand wird schließlich das Versprechen, daß Samia bleiben kann, bis ihr Kind geboren ist. Doch ganz so einfach ist das ungewollte Zusammenleben der beiden Frauen natürlich nicht. Zumal Abla auch um ihren Ruf fürchtet. Denn unehelich geborene Kinder gelten in Marokko auch heute noch als große Schande, ihre Mütter werden gesellschaftlich geächtet. Der Film erhielt langen Applaus nach der Premiere in meinem Lieblingskinosaal, dem "Salle Débussy", in der die Nebenreihe des Festivals "Un certain regard" läuft. Ich könnte mir vorstellen, daß auch der Vorsitzenden der Certain-Regard-Jury, Nadine Labaki, dieser Film gut gefallen hat. Und auch auf die "Goldene Kamera", den Preis für das beste Erstlingswerk hat Adam meiner Meinung nach gute Chancen. Auch wenn ich natürlich nicht alle nominierten Filme gesehen habe.

Sehr gute Kritiken bekommen hat auch der Koreanische Wettbewerbsbeitrag Parasite des Okja-Regisseurs Bogn Joon-Ho. Leider konnte ich diesen heute Abend nicht sehen, da bereits 1,5 Stunden vor Filmbeginn der Andrang so groß war, daß nichts mehr zu wollen war. Keine Ahnung, warum der Rest der Festivalbesucher so viel Zeit hat. Ich kann mich jedenfalls nicht vor jedem Film 2 Stunden lang anstellen. Morgen starte ich einen neuen Versuch.

*Nur zur Sicherheit: Es ist natürlich streng verboten, die "Einladungen" genannten Eintrittskarten zu den Wettbewerbsfilmen zu verkaufen, von daher darf meine oben genannte Bemerkung als Scherz verstanden werden.