Der Philosoph, das Wesen und der Nationalsozialismus

Der Philosoph, das Wesen und der Nationalsozialismus

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Prof. Dr. Rainer Marten
Quelle: 
Copyright/Credit: mar10 media, Nikolas Marten

Interview mit Prof. Rainer Marten, zum Verhältnis von Heideggers Denken zum Nationalsozialismus

Seitdem er 1933 für ungefähr ein Jahr die Leitung der Freiburger Universität übernommen hatte, tobt die Debatte über Heideggers Verhältnis zum Nationalsozialismus. Unstrittig ist Heideggers anfängliche Begeisterung für das Regime. Ebenso seine aktive Unterstützung zum Teil auch in der Form von vorauseilendem Gehorsam, wie bei der Einführung des Hitlergrußes und der Denunziation des in Heideggers Augen nicht genügend national eingestellten Chemikers Hermann Staudinger.

Strittig dagegen ist wie und ob sich Heidegger vom Nationalsozialismus gelöst hat, wie es um seinen Antisemitismus steht und ob seine Nähe zum Nationalsozialismus etwas mit seinem Werk zu tun hat.

Neue Nahrung hat die Diskussion durch die Veröffentlichung der von Heidegger als Notizen in mit schwarzem Wachstuch eingebundenen sogenannten „Schwarzen Hefte“ hinterlassenen Reflexionen aus der Zeit des Nationalsozialismus erhalten. Heidegger hatte diese selbst zur späteren Veröffentlichung bestimmt. Umso größer war das Erstaunen darüber, dass auch in diesen Heften gehässige Äußerungen etwa über „aus Deutschland herausgelassene jüdische Emigranten“ und anderer Unsinn zu finden ist. Der Nationalsozialismus wird nur seiner Erscheinungsform nach kritisiert, im Prinzip aber weiter bejaht. Diese Pseudokritik bezieht sich auf die Ferne von philosophischen Prinzipien, das Unrecht das die Nationalsozialisten begangen haben, inklusive des Niederbrennens der Freiburger Synagoge, die direkt neben Heideggers Universität stand, kommen in Heideggers Heften gar nicht vor. In der Überhöhung eines Deutschtums ist sich Heidegger mit den Nazis einig, nur dass Heidegger nicht so weit ins Konkrete herabsteigt, dass er sich etwa über Rassenzucht Gedanken gemacht hätte. Er bleibt im Tiefsinnig-Unkonkreten seiner Seinsphilosophie, letztendlich aber mit dem gleichen Ergebnis.

Radio Dreyeckland hat vor zwei Wochen ein Gespräch mit dem Freiburger Philosophen Günter Figal über Heidegger geführt. Figal ist nachdem ihm der Inhalt der Schwarzen Hefte bekannt wurde, als Präsident der Martin-Heidegger-Gesellschaft zurückgetreten unter anderem weil er Heidegger als Person nicht mehr vertreten wollte. Figal räumte im Gespräch auch ein, dass man untersuchen müsse, ob das was Heidegger in den Schwarzen Heften schrieb auch Einfluss auf sein Denken in den dreißiger Jahren hatte. Davon abgesehen sieht er Heidegger weiter als philosophischen Revolutionär, dessen eigentliches Werk nichts mit dem zu tun hat, was in den Schwarzen Heften von ihm über Jahrzehnte aufgehoben und nun posthum der sprachlosen Nachwelt präsentiert wurde.

Eine andere Sicht vertritt der emeritierte Professor für Philosophie, Rainer Marten. Radio Dreyeckland suchte also Professor Marten in seiner Wohnung in der Wiehre auf. Wir trafen einen nach außen etwas streng wirkenden Mann, der auch in hohem Alter geistig völlig fit, an Büchern und Vorträgen arbeitet. Dies weitgehend ohne Zuhilfenahme, der von seinem Lehrer Heidegger als „Gestell“ kritisierten Technik. Ein Telefon gibt es zwar nun, aber keinen Computer, kein Internet, kein Fernsehen und kein Radio. Fast der einzige, aber schöne Schmuck sind die mit leuchtenden Farben gemalten Bilder seiner Frau Helga Marten an den Wänden.

Den zweiten Teil des Interviews senden wir am Donnerstag, den 22. 1. ungefähr um die gleiche Zeit. Es geht dabei vor allem um die Gründe für die Wirkung Heideggers.12:13 Rainer Marten erzählt auch von seinem persönlichen Verhältnis zu Heidegger, den er gut gekannt hat. Das ungekürzte Gespräch ist hier abhörbar.39:05