Podiumsdiskussion: Neue Mittel, neue Wege – Verkehrswende in Freiburg: Horn: "Wir brauchen einen neuen Masterplan für Mobilität in Freiburg"

Horn: "Wir brauchen einen neuen Masterplan für Mobilität in Freiburg"



Eingeleitet wurde der Abend mit einem Vortrag von Prof. Dr. Wolfgang Gruel der das Publikum über (u.a.) Carsharing, Mobilitäts-Apps (MyTaxi, Uber, Moovel) und Elektro-Scooter-Leihsysteme hin zum eigentlich großen buzz-Thema der Automobilbranche führte: Autonomes fahren!

Die sogenannte "Mass Customized Mobility" wüde in einer von ihm vorgestellten Studie die Anzahl der Autos in der Beispielstadt (Singapur?) auf unter die Hälfte reduzieren und den öffentlichen Personen Nahverkehr gleich gänzlich überlüssig machen. Allerdings verweist er auch gleich im Anschluss auf ein Problem das sich durch die steigende Attraktivität des (autonomen) Fahrens ergibt: Wenn die Arbeitswege so viel schneller und angenehmer werden dann spricht auch nichts dagegen öfter und weiter zu pendeln. Also unterm Strich wird auch dieses Konzept mehr Verkehr hervorrufen und deshalb wieder Stau produzieren. Auch für Prof. Dr. Wolfgang Gruel führt nichts an dem Dreisatz vorbei:

  • Wir müssen nicht nachhaltige Verkehrsmittel weniger Attraktiv machen! (Fahrverbote, Maut, etc.)
  • Wir müssen gute Alternativen schaffen! (Bessere Schnittstellen, Jobrad, etc.)
  • Wir müssen unsere Lebensumfeld so gestallten, das Wege unnötig werden! (Stadt der kurzen Wege, etc.)

Soweit so gut! Für das interessierte Publikum aber keine große Neuigkeit.

Während der Podiumsdiskussion kamen dann gleich ein paar interessante Zahlen auf den Tisch. Wie der Oberbürgermeister Martin Horn berichtete ist die Freiburger Bevölkerung von 1997 bis 2017 um 15 % gewachsen. Im selben Zeitraum aber hat die PKW-Flotte 23 % zugelegt. Anfang Januar 2018 waren in Freiburg 91325 PKWs angemeldet.
Interesant war auch die Feststellung, das der Anteil des ÖPNV am Modal Split eher rückläufig ist was innerstädtischen Verkehr anbelangt. In absoluten Zahlen steigen die Fahrgastzahlen der VAG aber stetig. Eine Ausnahme bildet das Jahr 2014 als der Bertoldsbrunnen saniert wurde und über mehrere Monate Schienenersatzverkehr die Straßenbahnen ausbremste.

Ab und an versuchte zumindest der dritte Podiumsteilnehmer Ulrich Prediger von Jobrad den Oberbürgermeister festzunageln. Zum Beispiel mit der Frage nach der Flächengerechtigkeit. Unterm Strich kommen wir nicht daran vorbei, die vorhande Flächen neu zu verteilen und wer da einiges zu verlieren hat ist offensichtlich. Wenn man zum Beispiel den ruhenden Verkehr betrachtet werden die Zustände besonders deutlich. Der ruhende Fahrradverkehr (Bsp: Fahhradabstellplätze) verbraucht 2 % der Verkehrsfläche. Dem ÖPNV (Bsp: Haltestellen) und dem Fußverkehr (Bsp: Plätze) stehen jeweils 3 % zur Verfügung. Einsamer Spitzenreiter im Platzverbrauch öffentlicher Flächen ist der Privatwagen mit 92 %. Wie wird sich die Stadt positionieren?

Eine klaren Antwort auf diese Frage hat das Publikum leider nicht gehört.

Der Oberbürgermeister führte zahlreiche wichtige Maßnahmen (Stadtteile stärken, Stadt der kurzen Wege, Frelo, Mobilitäts-App, WLAN in Bussen) auf und berichtete auch von einem absurden Treffen von 25 Oberbürgermeistern, der Bundeskanlzerin und dem Verkehrsminister, bei dem die Bundesregierung ernsthaft vorschlug die Messstationen in 4 Meter Höhe anzubringen damit die Messwerte besser werden. Zurecht versuchte er der Bundesregierung zu vermitteln dass durch solche Aktionen die Politik jegliche Glaubwürdigkeit verliert. Auch bemängelte er, dass Anträge für Elektrobusse abgelehnt wurden weil die Förderer offensichtlich kein Geld für spanische oder chinesische Busse ausgeben wollen. Deutsche Hersteller aber haben noch keine Serienprodukte im Angebot.

Die Moderatorin versuchte aber dann doch nochmal auf den Punkt mit der Flächenverteilung zurückzukommen und berichtete, dass jeden Tag in Freiburg neun Falschparker abgeschleppt werden und kommentierte süffisant: "So viele Falschparker sehe ich mindestens jeden Tag allein auf meinem Arbeitsweg." Als versuch einer Antwort beklagte der OB Horn die mangelnde Personalausstattung der städtischen Behörden. Dutzende Stellen seien ständig ausgeschrieben aber die Bewerber*innen würden keine angemessenen Wohnungen finden die man mit einem Tariflohn bezahlen könnte (eleganter Verweis auf die anstehende Dietenbach-Entscheidung).

Am Ende des Tages müssen wir aber nicht darauf warten bis die Flächen in der Stadt unter den Verkehrsträgern neu verteilt werden. Wir können schon heute damit anfangen den Status-Quo zumindest durchzusetzen. Mit der Wegeheld-App können Falschparker*innen den Behörden gemeldet werden oder mit automatisierten Posts in den sozialen Netzwerken auf Misstände hingewiesen werden.