Freiburger Hauptfriedhof und die Verantwortung des Gemeinderat:: Kommt endlich Bewegung in ein würdiges Gedenken an die Toten der Euthanasiemorde?

Kommt endlich Bewegung in ein würdiges Gedenken an die Toten der Euthanasiemorde?

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Städtische Gedenkkultur auf dem Hauptfriedhof- an in der Euthanasie Gemordete
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kmm/2020/rdl

Am 9. August jährte sich zum 80. Mal die erste Deportationsfahrt  jener unglücklichen Menschen, die von den Ärzten der zentralen Aktion T4 (Berlin Tiergarten)  per Fragebogen zum Tod in der Gaskammer von Grafeneck (bei Reutlingen)  auserkorenen Pfleglinge der Kreispflegeanstalt  in Freiburg. Auf der Liste befanden sich 75 Namen. Die in den grauen Bus der GKRAD kamen, wurden wohl noch am selben Tag - 9. August 1940 - in die Gaskammer der Heilanstalt Grafeneck - einer Tötungszentrale  von sechs reichsweit -  geschickt und anschließend verbrannt. 
Wie mindestens 10.648 anderen Menschen mit seelischen oder körperlichen Einschänkungen aus dem Südwesten des Deutschen Reichs, die allein dort gemordet wurden.
Den Angehörigen wurde später eine falsche Todesursache, falsche Umstände inklusive oft des Todesort und eine Rechnung für die Einäscherung bei der Urnenzustellung geschickt. (s.a. Schilderung von Irene Schäuble zu ihrer Mutter)

Der ersten Deportationsfahrt folgten wohl noch zwei weitere. Eine wohl am 11.Oktober 1940 mit massiven Widerstand der Patienten, die um ihr Schicksal wohl wußten. Es  zumindest ahnten. Ähnliches passierte im PLK Emmendingen und aus einer Pflegeanstalt vom Hochrhein.

Eine weitere Tarnorganisation der T4-Massenmordaktion  verschickte  die Urnen, die im Fall von nicht abnehmenden bzw. vorhandenen Angehörigen auf dem Friedhof verteilt verscharrt wurden.
Erst 1954 wurden ihre Standorte auf dem Freiburger Hauptfriedhof lokalisiert.
Es dauerte weitere acht Jahre bevor 1962 die 53 Urnen (von wohl über 150 Freiburger Getöteten) auf Beschluß des Gemeinderates in der  Nordwestecke im Gräberfeld 42 bestattet wurden. Ein vom Gemeinderat mitbeschlossener Gedenkstein, dessen Text weder  Täter noch Opfer benannte, wure ohne jegliches Zeremoniell 1964 errichtet.
Als 1995 Ute Scherb für den AK Regionalgeschichte  mit dem RDL-Kommunalmagazin zu diesem Stein führte, war die vom Gemeinderat beschlossene Grabstätte wohl schon in einem ähnlich  verwahrlosten Zustand wie im Bild vom Februar 2020.4:24

RDL schrieb Anfang September 2020 mit Hinweis auf unsere Zusammenstellung an jene Fraktionen von denen am ehesten eine Wahrnehmung der geschichtlichen Verantwortung erwartet werden darf.
Zwei  - Grüne und SPD - antworteten und sagten Initiativen zu, die anderen schlummerten wohl im Schulferienurlaub. Von der SPD wurde mitgeteilt, das zuständige Friedhofsamt werde  demnächst die Pflege  "mit Vorrang" auf die Liste setzen.

Reicht das? Ich meine nein. Ein würdiges Gedenken setzt voraus, das mit jeglicher Vertuschung Schluss gemacht wird. Zumindest die Namen der Hingemordeten, deren Aschen unter dem Stein liegen, erinnert werden.
In Grafeneck hat die Gedenkstätte Grafeneck sich der Aufgabe mit einer Namensliste gestellt.
Auch sollte wieder zumindest am 1. Deportationstag sowohl der Gedenkstein an der Escholzstr.90 wie auf dem Hauptfriedhof jeweils vom Garten und Tiefbauamt und dem Friedhofsamt in einem  würdigen Zustand versetzt werden und künftig regelmäßig und fortlaufend gepflegt werden.
Eine Aufgabe, die bei dem vermeintlichen "Helden-Gedenken" ab der Kriege 1870/71 und der in den 1950ern  errichteten Germania zur selbstverständlichen  Übung gehört.
Wer wenn nicht die nachfolgenden des seinerzeitigen Gemeinderatsbeschlußes sollten sich endlich Ihrer Verantwortung vollumfänglich stellen.

Michael Menzel