Locarno Blog 18

Au Voleur –
ein Film ist nicht zu halten

Aus Locarno: Martin Koch

Wörtlich übersetzt
heisst der Titel von Sarah Leonors neuem Film „Haltet den Dieb“
und die Devise beim Zuschauen könnte auch mit „Haltet den Film“
genannt werden. Nicht weil er schwer zu verstehen, oder überkomplex
wäre, sondern weil er sich vor lauter Spritzigkeit und
einfallsreichen Momenten teilweise fast überschlägt.

Locarno Blog 18

Au Voleur –
ein Film ist nicht zu halten

Aus Locarno: Martin Koch

Wörtlich übersetzt
heisst der Titel von Sarah Leonors neuem Film „Haltet den Dieb“
und die Devise beim Zuschauen könnte auch mit „Haltet den Film“
genannt werden. Nicht weil er schwer zu verstehen, oder überkomplex
wäre, sondern weil er sich vor lauter Spritzigkeit und
einfallsreichen Momenten teilweise fast überschlägt.

Es geht um
eine tragische „amour fou“ zwischen der Lehrerin Isabelle
(Florence Loiret-Caille) und dem Kleingangster Bruno (Guillaume
Depardieu). Nachdem sich die von der Vermittlung der deutschen
Sprache genervte Pädagogin an einem Abend in einer Bar erstmal in
den rauhbeinigen aber gutherzigen Herumtreiber verliebt hat, geht
alles weitere sehr schnell: Bruno wird gesucht, Isabelle muss wegen
ihm die Flucht ergreifen und auf eine wilde Autoverfolgungsjagd folgt
eine Flucht im Boot durch die Natur.

Solch verrückte
Romantik mag der nüchterne Analyst zwar als unlogisch,
eindimensional oder wenig komplex denunzieren wollen, wer aber
Leonors Freude am visuellen Erzählen und ihr Talent, immer wieder
neue spannende Bilder zu finden einmal im Kino erlebt hat, dem wird
es schwerfallen sich dieser cineastischen Energie zu entziehen.
Unterstützt wird sie dabei von der Spielfreude der beiden
Hauptdarsteller. Vor allem Loiret-Caille besticht als Lehrerin, die
aus einem einengenden Leben aussteigen will und sich nach ihrer
Flucht einer Grenzen sprengenden Exaltiertheit hingibt. Der im
vergangenen Jahr verstorbene Depardieu verkörpert da in seiner
letzten Rolle als abgebrühter und fürsorglicher Bruno letztendlich
eher den Gegenpol zu so viel Ueberschwänglichkeit.

Wenn sie jemand nach
ihren Vorbildern fragt, nennt Regisseurin Leonor die amerikanischen
Klassiker, vor allem Raoul Walsh und Terence Malick, von denen sie
sich ihre Beobachtungsgabe für gute Aufnahmen in freier Natur
abgeschaut zu haben scheint. Doch auch die sonstigen Szenen sind
technisch hervorragend umgesetzt: eine aufwändige
Autoverfolgungsjagd lässt den Atem stocken, der Gangster Bruno wird
bei einer Barszene im film noir
Stil vorgestellt und viele Szenen mit Bruno und Isabelle erinnern an
Klassiker wie „Ausser Atem“ oder „Bonnie und Clyde“.

Schade ist trotzdem, dass
der Film seine visuell gewonnene Energie letztendlich nicht ganz zu
einem furiosen Finale umsetzen kann und dann doch recht konventionell
zuende geführt wird. Konventionalität wird diesem Actionfilm sicher
auch von Freunden des avantgardistischen Kunstkinos angelastet
werden, dagegen steht aber seine kompromisslos wilde Romantik und der
Sog, in den er seine Zuschauer über weite Strecken zu ziehen vermag.
So dass man für eineinhalb Kinostunden gerne mit Bruno und Isabelle
aussteigt und das Abenteuer sucht – und dafür auch gerne über
kleinere Ungereimtheiten hinwegsieht.