Rezension zu „Moorland – Die Zwillinge“ von Andreas Winkelmann. Knaur 2026
rezensiert von Hardy Vollmer
Unter dem Obertitel „Moorland“ beginnt eine neue Reihe des bekannten Krimiautors Andreas Winkelmann. Der Titel des ersten Bandes heißt „Die Zwillinge“ und klingt zunächst ganz unverfänglich, hat es aber, was Spannung und Grusel angeht, in sich.
Mit Moor und Verbrechen ergeben sich schnell Assoziationen. Wer denkt nicht an den „Hund der Baskervilles“, oder der „Würger von Blackmoor.“ Nebel, Wolfsgeheul, Moorleichen kommen einem in den Sinn. Ganz anderes erfährt man aber bei Andreas Winkelmann zu Beginn des Romans:
„Das Moor hat viele Gesichter. Jetzt, da sich die Sonne stellenweise durch die Hochnebeldecke kämpfte, zeigte es eines seiner schönsten. Über den tiefer liegende Stellen lagen noch Nebelschwaden während darüber sterbende Eiskristalle in den Büschen und Birken glitzerten.
Dunst stieg aus den schwarzen Wasserlöcher empor, und wenn man dem Gesang der Vögel glauben durfte, stand der Frühling in den Startlöchern. Das Licht war bezaubernd…“
Selten habe ich eine so poetische Darstellung des Moores gelesen während man gerade mitbekommt, wie die Titel gebenden Zwillinge möglicherweise soeben im Moor versinken.
„Das Licht war bezaubernd.. aber wie alles im Moor war dieses Licht trügerisch“ endet die obige romantische Beschreibung des Todesmoors. Und schon erkennen wir die zwielichtige Stilpoesie des Autors Winkelmann, der durch atmosphärische dichte Beschreibungen die Leserin und den Leser durch Himmel und Hölle führt. Das kann er gut. Das gibt es noch an mehreren Stellen, wo man durch eine kräftige Beschreibung in die Handlung hineingezogen wird und das Buch nicht aus der Hand gibt.
Was ist der Fall?
Die 18jähringen Zwillinge Nike und Jana, einflussreiche Influencerinnen eines erfolgreichen TikTok-Kanals, wollen den nebligen Sonnenuntergang im Moor nutzen, um noch ein paar gruslig-erotische Videos für ihr Publikum drehen. Aber dann tauchen sie nicht mehr auf. Ein einsamer Radfahrer hört noch Schreie im Moor, bevor er selbst von einem Wagen von der Strasse gefegt wird und von dem Unfallflüchtigen und den Zwillingen ist zunächst nichts mehr zu sehen.
Eine neue Krimireihe erfordert nicht notwendig eine neues Ermittlerteam, aber oft ist es so und in diesem Roman tritt die Kommissarin Malia Gold gerade ihre neue Stelle an, als die Zwillinge verschwinden. Es wird für sie ein schwieriger Fall werden. Nicht nur, weil die halbe Dienstelle durch eine Grippewelle lahmgelegt wird, sondern auch weil der Ort ihres Wirkens für die Kommissarin ein belastendes Geheimnis birgt, wie man schon aus dem Klappentext entnehmen kann. Vor 15 Jahren hat sie den Ort am Rande des Moores verlassen, nach einem Streit mit ihrer Mutter, mit der sie seit dem kein Wort mehr gewechselt hat.
Das gute an dem Roman ist jetzt, das wir nun nicht geplagt werden mit Dienstellenhickhack um die neue Kommissarin oder uns das missratene Mutter-Tochter Verhältnis den ganzen Roman über nervt, so wie es uns aus vielen Fernsehkrimis sattsam bekannt ist. Nicht so bei Winkelmann. Er focussiert ganz auf die Lösung des Falles. Die Probleme sind da, aber die handelnden Personen sind souverän genug, sich ganz auf den Fall zu konzentrieren. Das fördert den spannende Lesefluss ungemein. Das Verbrechen entwickelt sich auch kompliziert genug. Die Kommissarin und ihr Team haben viel zu tun. Verdächtige gibt es einige.
Da ist der Sektenprediger, der in dem TikTok-Kanal der Zwillinge nur Sodom und Gomorrha sieht. Da ist der Lehrer, der eine aus dem Ruder gelaufene Liaison mit einem der Zwillinge haben soll. Da ist ein Mitschüler, der sich als Incel fühlt und die Zwillinge auf einer geheimen Todesliste führt. Da ist der Tierarzt, bei dem man zu viel Blut im Wagen findet und da ist der Moorschraat Jürgen, der im Moor seine Heimat hat. Ein Kauz, der sich dann auch noch als Onkel der Kommissarin herausstellt.
Und irgendwann im Lauf der Handlung schwant der Kommissarin, das das Ganze nur eine Inszenierung der beiden Zwillinge ist, die auf diese Weise die Anzahl ihrer Follower ins Unermessliche steigern wollen.
Viel Arbeit für das Polizeiteam und viel spannendes Vergnügen für die Leserinnen und Leser, dem Team dabei zu folgen, wie es den Fall löst. Winkelmann gelingt es die verschiedenen Handlungsstränge logisch gut zu entwickeln, sodass die Leserin und der Leser den Fortgang der Erzählung gut nachvollziehen können. Das hebt den Roman positiv von anderen Krimis ab, bei denen plötzlich Ereignisse und Personen aus dem Hut gezaubert werden und es zu logischen Brüchen in der Handlung kommt. Nicht so bei Winkelmann. Er neigt an einer Stelle sogar zu einer ironischen Selbstreflexion. Eine wichtige Rolle spielt im Roman der Schriftsteller Alexander Seitz. Im Gespräch mit der Kommissarin gibt er zu, das er auch Krimis schreibt:
„Doch ich schreibe auch Krimis. Ich kann aber verstehen, wenn sie als Kommissarin Vorbehalte haben. Und um ein Argument schon zu entkräften, bevor sie es anbringen: Ich schreibe Fiktion. Realität ist dabei oft ein Hindernis… Wie jeder Beruf folgt auch der des Schriftstellers kommerziellen Interessen. Sie mögen nicht an erster Stelle stehen, sind aber wichtig. Und Tatsachengeschichten über polizeiliche Ermittlungsarbeit würden sich eben nicht gut verkaufen.“
Stimmt das? Das mögen die Leserin und der Leser entscheiden. Ich kann nur hoffen, das der Roman egal ob Fiktion oder Realität gut ankommt und die Reihe fortgesetzt wird.

