Radio Verte - ein Rückblick auf die Anfänge von Mireille Casselli

Radio Verte - ein Rückblick auf die Anfänge von Mireille Casselli

Für mich sah es so aus: ich lebte ab April 1978 in einer großen alternativen Gruppe südlich von Freiburg und hatte in den Monaten zuvor erlebt, wie die ökologische Bewegung mit den gleichen militärischen Methoden bekämpft wurde wie auch die RAF-Anhänger: ob auf dem Schlachtfeld von Malville (August 1977, Savoie, ähnliche Kampfsituation wie später in Gorleben) oder auf Vogesen-Bauernhöfen wurden wir für unser Andersdenken und für diese ersten Versuche, die Welt-Globalisierung in Frage zu stellen, regelrecht verfolgt, obwohl wir nur friedliche Mittel benutzten. Auf der deutschen Seite sah es etwas anders aus: die erfolgreichen Widerstandsaktionen gegen Wyhl, Kaiseraugst, gegen den Meßmast von Gerstheim hatten in der Bevölkerung ein Bewußtsein für die eigene Verantwortung geschaffen für das, was in dieser Region mit den Menschen und mit der Natur geschieht.

 

Wir wußten alle von der entscheidenden Rolle, die Radio-Renaissance in Portugal im Kampf gegen Salazar innerhalb von nur einem Sendejahr gespielt hatte und träumten von italienischen Verhältnissen, wo dank einer Gesetzeslücke unzählige neue kommerzielle und auch politische Sender wie Onde Rosse, Radio Populare (Milano), Radio Città Futura (Roma), Radio Alice (Bologna) usw. aus dem Äther sprossen. Es war also nicht zu vermeiden, daß bei der nächsten Kampf- und Ohnmachtssituation Radio auch hier in der Gegend eingesetzt werden würde, denn es war Zeitgeist. Die Besetzung des Strommasts von Heiteren im Kampf gegen Fessenheim war dann der Anlaß. Wir haben uns nicht hingesetzt und uns gefragt, "Welches Medium wäre jetzt das Richtige?" Ein paar Leute waren im Besitz eines einfachen Senders, sie waren nicht besonders am Radio interessiert und hatten keine Ahnung von Radiotechnik. Die angekündigte Sendung vom 4.6.1977 war einfach eine Aktionsform, wie eine Mastsprengung oder eine Demo. Die Zeit war reif; deshalb konnte das Radio sofort Fuß fassen und begeistern. Die Nullsendung war technisch sehr schlecht, wurde aber in der gesamten elsässischen Tagespresse erwähnt: "Zwölf Minuten zum Überzeugen". Also wurde beschlossen, wöchentlich weiter zu senden. Wir gönnten uns nur eine Sommerpause, in der der Sender in Malville und auf dem Larzac gebraucht wurde.
Wie sah es also konkret aus? Mit relativ wenig Geld für ein paar Mikrophone, ein Mischpult einfachster Art, mit ein/zwei guten und unermüdlichen Technikern, mit viel Zeit und viel Benzin, mit Fantasie, mit vier bis fünf regelmäßig mitarbeitenden Sprechern (die auch für den Inhalt ihres Beitrags zuständig waren) war es möglich, mit dem regelmäßigen Betrieb von Radio Fessenheim anzufangen. Ab Winter 1977-78 saßen wir jede Woche im Sundgau bei Jean-Baptiste an einem großen Wohnzimmertisch; wir, das heißt 2-3 Elsässer für Technik und für manche Beiträge, zwei weitere Freiburger, Joseph und die Betreiberin vom Wyhler Infoblatt "Was wir wollen", die zu dem Zeitpunkt eine entscheidende Rolle spielte. Ich übersetzte Beiträge ins Deutsche oder ins Französische, dann wurden gleich die kurzen Kassetten kopiert und zum Senden mitgenommen.

Von Anfang an wurde das Senden durch Post und Polizei behindert. In aller Heimlichkeit wurde das Sendematerial, darunter auch die schwere Batterie, auf einen Berg geschafft (jeden Donnerstag 19.30 Uhr, Freitag 19.45, Sonntag 11 Uhr), und dies bei Wind und Wetter. Es war nicht immer abenteuerlich, dafür aber immer sehr mühsam. Zweimal wurde ein Sender aufgespürt und konfisziert, wir haben uns aber das Grundrecht auf Freiheit zum Bezug von kostenloser, unverfälschter Information nicht nehmen lassen. Sehr schnell waren auf beiden Seiten des Rheins insgesamt bis zu 15 kleine Sendeanlagen in Betrieb, dann auch in Basel.
Ab der Gründung der badischen Redaktion engagierten wir uns mehr für eigenen Inhalt, wobei uns die kurze Sendezeit nicht viel Spielraum ließ. Trotzdem brauchten wir ewig lang, um 30-45 Minuten herzustellen. Zum Glück gab es Sternstunden: Das Senden der Verhandlungen mit dem Regierungspräsidenten Nothhelfer (!) nach einem Unfall in Fessenheim, die täglichen Sendungen aus der besetzten Spinnerei in Schlettstadt, die Begleitung der Schüler-Demos gegen Fessenheim im Markgräflerland, des Freiburger Häuserkampfs vom Dreisameck usw... Die zuverlässige Kerngruppe war allerdings klein, die Belastung vom jedem enorm, die energiespendenden Sternstunden doch nicht alltäglich genug, so daß wir irgendwann zu einer Erschöpfung kamen, die sich 1981 spürbar machte, bis manche müden Kämpfer, darunter auch ich selber, von anderen abgelöst wurden. Ein neuer Kurs wurde angestrebt, die Legalisierung, und das war nun ein neuer Kampf, ein neuer Ansatz, der dem Sender einen neuen Atem gab.
Mein Thema war es aber nicht mehr.

Wenn ich nun gefragt werde, welche meine persönlichen Gründe waren, mich eine Zeit lang so stark zu engagieren, würde ich neben den politischen Gründen folgende nennen:
Ich liebe Radio und den Zugang über die Ohren, über den Ton, den Klang. Es läßt mir und meiner Fantasie wesentlich mehr Spielraum als die Bilder eines Fernsehberichts, es erreicht mich tiefer und bleibt in mir geschrieben. Außerdem hat für mich die Vorstellung des gespannten Sitzens um einen Weltempfänger Tradition: Damit verbinde ich als Französin automatisch die Rede von General de Gaulle im Jahre 1940, in der er die Franzosen zum Widerstand gegen die Nazi-Besetzung aufrief und den weiteren Gebrauch des Radios in der Widerstandsbewegung. Das Erzählen über diese Zeit hat meine Kindheit geprägt. Was die Gegenwart betrifft und den Sinn eines Senders wie Radio Dreyeckland, glaube ich, daß gerade jetzt, wo ein internationaler Kampfgeist wieder zu erwachen scheint, eine engagierte lokale Informationsquelle eine entscheidende Rolle spielen könnte.

Soweit zu diesem Thema. Ich hoffe, daß Ihr mit meinem Text etwas anfangen könnt und wünsche Euch weiterhin viel Ausdauer und Erfolg.

Mireille Caselli

(aus: radio! - März 2002)