Bei einer Großrazzia an 38 Adressen in Istanbul, Ankara, Izmir und Antalya wurden am Sonntagmorgen 26 Menschen festgenommen. Unter den Festgenommenen befinden sich auch Mitglieder des Vorstands der Gruppe Kaos GL, die sich für die Rechte von LGBTQ+-Personen einsetzt. Die Ermittlungsbehörden werfen den Festgenommenen "Vereinsgründung zur Begehung einer Straftat, Prostitution, Obszönität" und außerdem Drogenbesitz vor. Während das noch halbwegs juristisch klingt, wird die Staatsanwaltschaft in ihren weiteren Ausführungen konkreter. Es gehe darum dass die betroffenen Vereine Minderjährige in Bezug auf ihre sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität beeinflussen würden. Der zynische Titel der Operation macht es dann ganz klar: "Meine Familie ist in Sicherheit"-Operation. Es geht darum, konservative Schichten der türkischen Gesellschaft anzusprechen, die sich angesicht der immernoch bei ca. 30 % befindlichen Inflation von Erdogan abwenden könnten. Juristisch lässt sich das allerdings nur auf Umwegen machen, denn Homosexualität ist in der Türkei nicht strafbar. Doch dass karrierebewusste Juristen einen Weg finden, Menschen hinter Gitter zu bringen, auch wenn die Lage juristisch oder faktisch hauchdünn ist, kennt man aus zahlreichen politischen Verfahren. Jüngstes Beispiel: Der Bürgermeister von Istanbul und nomminierte Präsidentschaftskandidat der Opposition, Ekrem Imamoglu wurde Ende vergangene Woche wegen "Beleidigung eines Staatsbediensteten" zu 25 Monaten Gefängnis verurteilt und mit einem politischen Betätigungsverbot belegt, obwohl ihn zuvor zwei Gerichte in dieser Sache freigesprochen hatten (Imamoglu befindet sich seit März 2025 in Untersuchungshaft und ihm drohen weitere lange Haftstrafen wegen verschiedener anderer Vorwürfe).
Prideparaden werden seit Jahren in Istanbul und anderen türkischen Städten "aus Sicherheitsgründen" immer wieder verboten und von der Polizei mit wechselndem Erfolg unterdrückt.
