Das fast wichtigste Filmfestival der Welt?: Berlinale-Blog 1. Teil

Berlinale-Blog 1. Teil

Nachdem ich aus privaten Gründen erst am späten Donnerstag Abend nach Berlin einfliegen konnte (bzw. mit der Bahn eingerollt bin) und ich gestern schon 5 Filme für euch gesichtet habe, komme ich erst heute dazu, meine Eindrücke und Erlebnisse aufzuschreiben. Einen kleinen Vorgeschmack habt ihr ja schon in meinem Beitrag in der letzten Sendung erhalten. Die Berlinale hat leider den kleinen Nachteil, daß sie in extrem viele Sektionen und Reihen zerfächert, so daß es sehr schwer ist, einen strukturierten Überblick zu erstellen. Da in vielen dieser Sektionen auch wahnsinnig viele Filme laufen (51 beispielsweise im "Panorama"), versteht sich von selbst, daß es kaum möglich ist, irgendeine dieser Sektionen vollständig zu schauen. Zumindest nicht, wenn man sich nicht ausschließlich auf diese Reihe konzentriert. Wer, wie ich, sich aber gerne einen allgemeineren Überblick verschafft und versucht, in möglichst viele Sektionen hineinzuschnuppern, wird immer eine Auswahl treffen müssen.

Gestern hatte ich mich morgens relativ spontan für einen israelischen Film aus dem "Forum" entschieden: "Menashe". Es geht um einen alleinerziehender Vater, der jung verwitwet ist, im jüdisch-orthodoxen Milieu. Die strengen Regeln der Tora machen es ihm  unmöglich, seinen Sohn alleine bei sich zu Hause aufzuziehen, da ihm die Frau im Haushalt fehlt. Er möchte sich aber nicht, wie es sein gesamtes Umfeld ihm nahelegt, so schnell wie möglich mit der nächstbesten verzweifelten Frau wieder binden, bloß, um seinem Sohn ein Heim zu bieten. Außerdem stellt er die strengen Regelungen der Tora infrage, kleidet sich nicht, wie ein guter orthodoxer Jude das zu tun hat, verzichtet auf Hut und Mantel und versteckt seine Schläfenlocken. Mit diesem  Verhalten eckt er natürlich an. Doch macht ihn das zu einem schlechteren Vater, der nicht in der Lage ist, seinen Sohn alleine aufzuziehen?

Der Film ist insbesondere deswegen so interessant, weil er einen Einblick in eine komplette Parallelgesellschaft eröffnet, die uns normalerweise so völlig verschlossen ist. Insbesondere Frauen spielen in dieser Gesellschaft kaum eine Rolle. Der Film ist sehr männerdominiert, die auftretenden Frauen kann man an einer Hand abzählen. Zu sagen haben sie ohnehin nichts, so echauffiert sich eine der auftretenden Damen, daß manche Männer ihren Frauen gar das Autofahren erlaubten. Welch ein Skandal! Eine Welt, mit der ich als selbstbestimmte Frau so gar nichts anfangen kann. vielleicht hat der Hauptdarsteller deswegen von Anfang an meine Sympathien. Denn auch er wehrt sich gegen die allzu festgefahrenen Strukturen, stellt die dogmatische Herangehensweise der Rabbis infrage und eckt damit in seinem Umfeld an. Und daß nur, weil er der Meinung ist, er habe als Vater das Recht seinen Sohn auch ohne Frau aufzuziehen.

Weiter ging es mit der Pressevorführung von "The dinner", der Abends seine Premiere im Wettbewerb feierte. Ein Familienessen zwischen zwei Brüdern und ihren Frauen läuft völlig aus dem Ruder. In Grundzügen erinnert der Film an "Der Gott des Gemetzels", ist jedoch breiter angelegt. Während der "Gott des Gemetzels" ja gewissermaßen ein Kammerspiel ist, sich alles in diesem einen Wohnzimmer abspielt, springt "The dinner" ständig zwischen den Protagonisten und den verschiedenen Locations hin und her. Da ist zum einen die Familie am Essenstisch, da sind zum anderen die Kinder beider Familie, die sich eines Verbrechens schuldig gemacht haben. Aber auch im Restaurant ist nichts statisch. Selten sitzen mal alle 4 beteiligten Personen zusammen am Tisch. Ständig steht jemand auf, geht auf die Toilette, in einen anderen Raum, auf die Terasse. Immer wieder folgen andere Personen, es gibt intime Gespräche zu zweit oder dritt, permanent ist irgendjemand ausgeschlossen. Der Film springt dabei ziemlích hin und her, auch in den Zeitschienen, was ihn recht anstrengend macht. Als endlich allen am Tisch versammelten Personen das ganze Ausmaß der durch die Kinder verursachten Tragödie klar wird, nimmt der Film endlich an Fahrt auf, wird spannend. Leider ist er an dieser Stelle auch fast zu Ende. Schade, das Thema hätte meiner Meinung nach mehr hergegeben.

Danach dann das von der Presse heißersehnte Highlight des Tages: "T2 Trainspotting". 20 Jahre nach seinem Erfolg mit "Trainspotting" liefert Regisseur Danny Boyle nun den Nachfolger ab. Nachdem ich absolut keine Erwartungen an den Film hatte (solche heißersehnten Fortsetzungen sind meistens eher enttäuschend), muß ich sagen, daß ich extrem positiv überrascht wurde. Da ist allein die Eingangssequenz, welche das Ende des vorherigen Films aufgreift und dabei mit einer wahnsinnigen Kamera und einem tollen Schnitt sofort in ihren Bann zieht. Verdammt, der Film hat es geschafft, mich bereits in den ersten Minuten schonmal für sich einzunehmen.

Der Film zeigt schonungslos, was aus den abgewrackten Gestalten von damals heute, 20 Jahre später, geworden ist. Anlaß ist die Rückkehr Rentons, der von Ewan McGregor gespielten Figur, in seine Heimatstadt. Damals, in Trainspotting, hatte er seine Freunde um den Erlös aus einem Drogengeschäft geprellt, von dem sich alle eine bessere Zukunft erhofft hatten. Mit 16000 Pfund war er einfach abgehauen und hatte seine Freunde im Elend zurückgelassen. Doch nun ist er wieder da. Und die wenigsten seiner damaligen Freunde freuen sich über das Wiedersehen mit dem Verräter von damals.

Danny Boyle gelang es, wirklich den gesamten Cast aus Trainspotting wieder zusammenzubekommen für seine Fortsetzung, die zwar vielleicht weniger schwarzhumorig daherkommt wie der erste Teil aber immer noch schonungslos nah an ihren Figuren dranbleibt. Ein ganz klares "Must see" von meiner Seite. Einfach ganz großes Kino.