Empörung über Petry ist heuchlerisch... [Kommentar]

Empörung über Petry ist heuchlerisch... [Kommentar]

Die AfD-Vorsitzende Frauke Petry hat als Ultima Ratio den Einsatz von Schusswaffen gegen Flüchtlinge an der deutschen Grenze gefordert. Wenn diese sich nicht anders stoppen ließen. Die Empörung über die Äußerung ist groß. - Das ist gut so.

Aber ist die Empörung auch ehrlich?

- Nein!

Frauke Petrys Problem: Sie hat moderne deutsche Politik nicht verstanden. Kann man es wirklich deutschen Polizisten zumuten, auf wehrlose Menschen zu schießen?

- Nein, natürlich nicht.

Man sorgt lieber dafür, dass die Festung Europa so ausgebaut wird, dass die Menschen im Mittelmeer ersaufen. - Eine ganz saubere Sache. Da muss kein deutscher Polizist sich die Hände schmutzig machen.

Oder man lässt deutsche Rüstungsfirmen Waffen munter in alle Welt liefern. Waffen verbleiben meist nicht an einem Ort, sie wandern in unkontrollierbare Hände. Diese Hände sind es dann, die die Menschen erschießen, nicht deutsche Polizisten mit ihren unschuldigen Händen. Mit den mordenden fremden Händen haben Deutschland und Deutsche absolut gar nichts zu tun.

Wolfgang Thierse sprach davon, dass die Petry-Äußerung zeige, zu welch entmenschlichter Politik die AfD bereit wäre, wenn sie an die Macht käme.

- Auch das ist unehrlich: Entmenschlichte Politik ist nämlich keine schreckliche Zukunftsvision der AfD, sondern Realität.

Flüchtlinge an der Grenze erschießen wäre ein Verbrechen. Aber es würde deutsche Polizisten direkt mit den Folgen ihres Handelns konfrontieren. Sie müssten leidende, sterbende Menschen sehen, könnten eventuell nicht schlafen. Diese Politik könnte also zutiefst menschliche Gefühle zur Konsequenz haben. - Schrecklich unmodern das Ganze!

Moderne Politik regelt es mit Unterschriften auf ein bißchen Papier, dass Frauen und Kinder den syrischen Flüchtlingen nicht folgen dürfen und stattdessen im Krieg sterben. Angucken muss man dabei die Menschen nicht. - Moderne Politik lässt andere machen. Lässt Erdogan ungestört KurdInnen ermorden, wenn er im Gegenzug verhindert, dass Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Hier kann man Distanz bewahren: zu den ermordeten KurdInnen, zu den Flüchtlingen, die weit weg von Deutschland aufgehalten werden, zu denen, die im Elend verrecken, weil ihre Länder angeblich "sicher" sind, zu den Opfern deutscher Waffen und auch zu denen, deren Existenzgrundlage unser Wirtschaftssytem durch Überfischung, Übeschwemmung der Märkte durch unsere Produkte etc. geraubt hat.

Das ist moderne, entmenschlichte Politik. Deutschland hatte schon immer etwas für „saubere Lösungen“ übrig. Petrys Vorschlag wäre keine "saubere Lösung".

(FK)

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Reaktion eines anderen RDL Redaktuers auf den Kommentar:

Der Unterschied zwischen einer im Kern faschistoiden KZ-Kommandanteusen Politik á la Petry und v.Storch und bürgerlich-entgrenzten, vorverlagerten Frontex Politik sollte nicht verwischt werden. Jedenfalls  nicht in Deutschland.

(KMM)

 

Der Kommentar greift die Doppelmoral der deutschen Politikerinnen an, die einerseits auf Petry mit dem Finger zeigen und andererseits eine Politik verfolgen, die zu der wie ich unterstelle nichtintendierten, aber jedem offensichtlichen Konsequenz führt, dass ständig Menschen im Mittelmeer ertrinken. Doch wenn man den Absatz liest: "Flüchtlinge an der Grenze erschießen wäre ein Verbrechen. Aber es würde deutsche Polizisten direkt mit den Folgen ihres Handelns konfrontieren. Sie müssten leidende, sterbende Menschen sehen, könnten eventuell nicht schlafen. Diese Politik könnte also zutiefst menschliche Gefühle zur Konsequenz haben. - Schrecklich unmodern das Ganze!" wird klar, dass etwas an diesem Ansatz nicht stimmt. Faschistische Politik und bürgerliche Doppelmoral sind nicht austauschbar bzw. der Faschismus Petrys sogar relativ besser. Ich nehme an, dass der Autor das nicht wirklich meint und vor allem provozieren wollte, aber letztendlich ist es doch eine Verharmlosung.

(JanK)