Gedanken zum Weltwassertag und dem ‚Opium der Nachhaltigkeit‘

Gedanken zum Weltwassertag und dem ‚Opium der Nachhaltigkeit‘

von Anna Fünfgeld

Der vergangene Sonntag wurde von den Vereinten Nationen zum „Weltwassertag“ erklärt. Der Weltwassertag ist ein Ergebnis der UN-Konferenz in Rio 1992 und findet seit 1993 jährlich am 22. März statt. Er steht dabei jedes Jahr unter einem anderen Motto. Dieses Jahr lautet das Motto „Wasser und nachhaltige Entwicklung“ womit auf die Verabschiedung der neuen globalen Nachhaltigkeitsziele Bezug genommen wird.

Diese Nachhaltigkeitsziele, die Sustainable Development Goals, stellen eine Weiterführung der zum Jahr 2015 ausgelaufenen Milleniumentwicklungsziele, der sogenannten MDGs, dar. Beschlossen wurden sie auf der Rio+20-Konferenz, der Konferenz der Vereinten Nationen über nachhaltige Entwicklung im Jahr 2012. Bislang wurden noch keine konkreten Maßnahmen, sondern nur allgemeine Grundsätze festgelegt, die beispielsweise eine stärkere Hinwendung hin zu ökologischen Zielsetzungen fordern. Diese hatten bei den MDGs im Verhältnis zu sozialen und ökonomischen Zielen noch einen eher untergeordneten Stellenwert.

 Wie einige andere Autor*innen hat der Professor für Humangeographie, Erik Swyngedouw von der Uni Manchester, in vielen seiner Veröffentlichungen auf die Problematik des Nachhaltigkeits-Begriffes hingewiesen. Im Zuge einer Anrufung von Angst und Gefahren werden sogenannte „Umweltprobleme“ als universell bedrohlich für das Überleben der Menschheit dargestellt. In den letzten Jahren hat dies einen gesellschaftlichen Konsens hervorgebracht, der weitestgehend darin besteht, dass technische und administrative Maßnahmen zur Sicherstellung des Status Quo angestrebt werden sollen. Der Begriff um den diese Bemühungen kreisen, lautet „Nachhaltigkeit“. Gerade weil Nachhaltigkeit jedoch ein so schwammiger Ausdruck ist, der je nach Interessenslage durch andere Begriffe konkretisiert werden muss um seine Inhalte begreifbar zu machen, stellt er nach Swyngedouw einen „leeren Signifikanten par excellence“ dar. Die vagen Imaginationen von einem ausgeglichenen und nachhaltigen Naturzustand, die damit suggeriert werden, überblenden Fragen nach gesellschaftlichen Kämpfen um die Ausgestaltung sozial-ökologischer Verhältnisse. Die Probleme des Nachhaltigkeits-Begriffs stehen damit beispielhaft für das gegenwärtig hegemoniale post-politische Verständnis von Natur, das einen gesellschaftlichen Konsens suggeriert und befördern möchte, den es so nie geben kann.

„Unweltprobleme erscheinen dann“, so schreibt Swyngedouw, „nicht als das Resultat des gesellschaftlichen Systems oder als verheerende Prozesse, die diesem System selbst eingeschrieben sind, sondern als pathologische Auswucherungen“. Suggeriert wird damit ein externer Ursachenherd, den man mittels eines angemessenen Managements im Rahmen der gegebenen sozial-ökologischen Ordnung in den Griff bekommen kann. Damit wird der Nachhaltigkeitsdiskurs in eine post-politische Konstellation eingepasst, in der – so Swyngedouw – „ideologische Auseinandersetzungen und politischer Dissens durch technisch-managementmäßige Planung, durch Experten- und Verwaltungshandeln ersetzt werden“.

Mit der Darstellung der ökologischen Krise als alle Menschen gleichermaßen betreffendes und außerhalb kapitalistischer Ökonomien stehendes Phänomen und der daran ansetzenden Forderung nach konsensualen Management-Lösungen verschwindet die entscheidende sozio-ökonomische und eben auch politische Komponente aus der Wahrnehmung von sozial-ökologischen Verhältnissen, was zu einer Unterbindung von politischen Auseinandersetzungen in diesem Bereich führt.

Das Nachhaltigkeitsparadigma existiert nicht unabhängig von Verteilungskämpfen um Ressourcen – vielmehr verkörpert es (wie schon vor ihm das Entwicklungsparadigma) den organisierten und nur hier tatsächlich nachhaltigen Angriff auf Interessen und Lebensbedingungen vornehmlich der Subalternen auf der ideologischen Höhe der Zeit. Erst in den lokalen Kämpfen, die sich um Zugangs- und Verteilungsfragen von Ressourcen wie Wasser drehen, wird der politische Charakter der Thematik wieder sichtbar, der mit der Nachhaltigkeitsdebatte verschleiert wird.

Swyngedouws Forderung nach einer Repolitisierung von sogenannten „Umweltproblemen“ sowie dem Naturbegriff allgemein nachzukommen, würde im Kontext des Themas Wasser bedeuten, nicht in einer apokalyptischen Vision von weltweiter Wasserknappheit zu verharren, sondern eben spezifische globale und lokale Konflikte um Wasser im Hinblick auf ihre politischen Parameter in den Blick zu nehmen, d.h. auch die Frage nach vorhandenen Machtstrukturen zu stellen.

Um Problemlagen im Bereich Wasser zu bearbeiten, reicht es nicht aus, wie im Bereich der CO²-Emissionen ein Marktversagen zu konstatieren und dann weitere Bereiche mittels einer marktförmigen Integration wie mit dem Emissionshandel geschehen, zu erschließen. Denn bei den vergangenen und aktuellen Konflikten um Wasser geht es um nicht viel weniger als Fragen des Zugangs und der Verteilung dieser Ressource. Paradigmatisch hierfür stehen beispielsweise die insbesondere im 20. und 21. Jahrhundert vielfach aufgetretenen Konflikte um den Bau von Staudämmen, die der Stromversorgung und der Bewässerung der industriellen Landwirtschaft dienen sollen und meist zu einer radikalen Veränderung der lokalen Lebensbedingungen führen. Dies zeigt sich sowohl in Verdrängung der Bewohnerschaft wie auch dem Entzug ihrer Lebensgrundlagen durch erschwerten Zugang zu Wasser und Land. Somit stellt sich auch bei Wasser die Frage nach einer Ressourcengerechtigkeit, die die verschiedenen Bevölkerungsgruppen berücksichtigt. Fragen des Zugangs und der Verteilung werden dabei nicht nur zwischen Arm und Reich oder Stadt- und Landbewohner*innen ausgehandelt, sondern betreffen auch die Geschlechtergerechtigkeit. So wird beispielsweise bei Staudammprojekten, die meist plakativ mit dem Ziel der Entwicklung - und möglichst auch der nachhaltigen – propagiert werden, eine Weltmarktintegration vorangetrieben, welche Subsistenzwirtschaften, die insbesondere für Frauen sozial wie ökonomisch von großer Bedeutung sind, bedroht. Dass die spezifischen Bedürfnisse von Frauen in diesen Kontexten nicht mitgedacht werden, basiert dabei zumeist auf der althergebrachten Zuschreibung, die sie im Raum des Privaten und Häuslichen verortet und damit aus Bereichen der Produktion und von gesellschaftlicher Teilhabe ausschließt.

Aber auch Privatisierungen von Wasser, wie beispielsweise in Bolivien in den Jahren 1999/2000 und 2004 angestrebt und u.a. von internationalen Finanzinstitutionen und Gebern eingefordert, gehören zu den Konflikten um Wasser. Diese beiden Privatisierungsversuche allerdings, die als die „guerras del agua“ in die bolivianische Geschichte eingegangen sind, brachten zumindest kleine Erfolge mit sich.

In diesem Sinne muss der populistischen Versuchung des Nachhaltigkeits-Konzeptes widerstanden werden um die politischen Dimensionen gesellschaftlicher Naturverhältnisse sichtbar zu machen.


 

Literatur: Swyngedouw, Erik (2009): Immer Ärger mit der Natur: „Ökologie als neues Opium für’s Volk“. PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft. 156(3): 371-389.