Lesekränzchen-Buchtipp 6: Was man von hier aus sehen kann / Mariana Leky

Was man von hier aus sehen kann / Mariana Leky

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Quelle: 
Dumont Verlag

Ein märchenhafter Roman über Leben und Tod, die Schwierigkeit zu lieben und "die unbedingte Anwesenheitspflicht im eigenen Leben". Isabella Bischoff hat es zu einem ihrer Lieblingsbücher 2017 gekürt.

"Kurz vor dem mutmaßlichen Ende will die verschwiegene Wahrheit eine Zweitmeinung einholen."

Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer: Selma - die gute Seele des Dorfes - hat in der letzten Nacht von einem Okapi geträumt. Was das bedeutet, erfahrt Ihr aus einem Zitat:

„Selmas Traum aber schuf Tatsachen ....vorbeischickt.“ (S.21)

Plötzlich hüten alle ihr Leben wie ein rohes Ei, versuchen Unfallgefahren zu vermeiden, erledigen Dinge, die sie vor ihrem eventuellen Ableben noch erledigen sollten und gestehen einander lange verschwiegene Wahrheiten - nur einer bleibt gelassen.

Zitat: „Der einzige, der sich über Selmas Traum freute ... hinausfliegen konnte.“ (S.24f)

Wie Ihr Euch denken könnt, wird der Tod nicht zu Bauer Häubel kommen. Soviel verrate ich. Ob jemand anderes sterben wird, erzähle ich allerdings nicht. Denn das macht die Spannung im ersten Teil des Buches aus.

Die Dorfbewohner_innen sind alle auf ihre Art verhaltensoriginell: kantig, wortkarg, von inneren Stimmen verfolgt, geschwätzig oder abergläubisch. Die wenigsten würde ich mir als Nachbarn wählen. Doch im Ernstfall halten sie zusammen.

Ich-Erzählerin des Buches ist Luisa, die Enkelin von Selma. Ihre Eltern sind unglücklich verheiratet, die Mutter immer auf dem Sprung, der Vater befürchtet, in der Enge des Dorfs zu vergammeln. Er verbringt viel Zeit auf der Couch von Dr. Maschke, seinem Psychoanalytiker, der ihm beispielsweise den Kauf eines Hundes nahe legt - zur Externalisierung seines eingekapselten Schmerzes.

Hier noch eine kleine Geschmacksprobe für die witzige Schreibweise der Autorin:

„Selma war es unangenehm, dass mein Vater Doktor Maschke von ihr erzählte. Er musste das tun, denn Mütter sind die Hauptverdächtigen in einer Psychoanalyse.“ (S40)

Luisa wächst unter der liebevollen Fürsorge von Selma und dem örtlichen Optiker auf, der seit Jahren nicht wagt, Selma seine Liebe zu gestehen. Während sich Selma tatkräftig dem Leben und seinen Notwendigkeiten stellt, entwickelt sich Luisa zu einer ängstlichen jungen Frau, die sich für ihre Ausbildung gerade mal in die nächste Kleinstadt traut.

Auch als sie über die Liebe stolpert, steht sie sich selbst im Weg, zusätzlich zu 10.000 km Luftlinie. Denn sie verliebt sich ausgerechnet in Frederik, der in einem buddhistischen Kloster in Japan lebt. Ob das was wird, lest selbst.

Der Roman von Mariana Leky ist eine Art Märchen über Leben und Tod, die Schwierigkeit zu Lieben und „die unbedingte Anwesenheitspflicht im eigenen Leben“, witzig, aber auch berührend geschrieben. Oft schrappt das Buch haarscharf am Kitsch vorbei. Dies gelingt der Autorin durch ihre absurden Ideen, überraschenden Wendungen und ihren ungewöhnlichen Sprachstil. Ich habe das Buch mit viel Freude gelesen.

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann

duMont Buchverlag Köln 2017

320 Seiten, 20 Euro

E-Book 15,99 Euro