Bagdad zwischen Machtpolitik und gesellschaftlichem Wandel: „Wir kämpfen weiter“ – Ein irakischer Aktivist über Bedrohungen und die Lage zwischen Innenpolitik und regionalem Einfluss in Bagdad

„Wir kämpfen weiter“ – Ein irakischer Aktivist über Bedrohungen und die Lage zwischen Innenpolitik und regionalem Einfluss in Bagdad

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Sein Profilbild von seiner Facebook-Seite.
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Ich selbst sowie Omar Kattā gehören zur zivilgesellschaftlichen Bewegung im Irak. Kennengelernt habe ich ihn während der sogenannten Tishrin-Revolte im Jahr 2020, als Tausende Menschen auf dem Tahrir-Platz in Bagdad gegen die damalige Regierung demonstrierten. Die Proteste waren Ausdruck tiefgreifender Unzufriedenheit über die schlechten Lebensbedingungen, die wirtschaftliche Perspektivlosigkeit sowie nicht zuletzt über den Einfluss regionaler Akteure auf politische Entscheidungen im Irak.

Während ich das Land verlassen habe und meine journalistische Tätigkeit heute in Deutschland fortsetze, ist Omar weiterhin vor Ort aktiv geblieben. Er setzt sich nach wie vor für grundlegende Bürgerrechte und eine zivile, von äußeren Einflüssen unabhängige Gesellschaft ein. Uns verbinden damals auf dem Tahrir-Platz für paar Tage nicht nur gemeinsame Erinnerungen, sondern auch prägende Momente eines kollektiven Zugehörigkeitsgefühls, insbesondere in Zeiten, in denen wir uns gegen bewaffnete Gruppen gestellt haben, die erheblichen Einfluss auf das öffentliche Leben und staatliche Institutionen im Irak ausüben. Die Tishrin-Revolte war Ausdruck einer neuen Generation, die nicht länger bereit ist, die Zukunft des Landes von externen Kräften bestimmen zu lassen, sondern auf einer souveränen, vom irakischen Volk getragenen Entscheidungsfindung besteht.

Heute ist Omar Kattāʿ erneut Bedrohungen ausgesetzt, die ihn weiterhin verfolgen. Am 10.03.2026 veröffentlichte er auf seiner Facebook-Seite ( https://www.facebook.com/photo?fbid=1447202920532314&set=a.133722728547013 ) einen Beitrag (bzw. einen Screenshot eines Chats, in dem ihn jemand bedroht), der mehr als 9.000 „Gefällt mir“-Angaben und rund 3.000 Kommentare erhielt und in dem er offenlegte, wie er konkret bedroht wird. In diesem Beitrag wandte sich Omar Kattāʿ öffentlich an mehrere irakische Sicherheitsbehörden, darunter den irakischen Nationalen Sicherheitsdienst, den Anti-Terror-Dienst (CTS), die Geheimdienstdirektion Bagdad, den Nachrichtendienst der Bundespolizei, den irakischen Nationalen Geheimdienst sowie die föderale Agentur für Nachrichtendienst und Ermittlungen. Dennoch bleibt der Eindruck bestehen, dass die zuständigen staatlichen Institutionen nicht ausreichend in der Lage sind, Zivilisten, Journalisten und insbesondere zivilgesellschaftliche Aktivisten wirksam zu schützen.


Als Journalisten im Exil appellieren wir daher an die internationale Gemeinschaft, der Situation der freien Presse im Irak sowie der Lage von zivilgesellschaftlichen und politischen Aktivisten mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Zugleich fordern wir, dass ihre Erfahrungen, Gefährdungslagen und die Herausforderungen, denen sie im Kontext des Einflusses pro-iranischer Milizen ausgesetzt sind, sowohl im Kontext ihrer journalistischen Arbeit im Irak als auch in Asylverfahren hier in DE sehr ernst genommen und sorgfältig geprüft werden.

 

Hinweis: Es wird nächste Woche ein Interview mit ihm bei 102,3 MHz durchgeführt worden sein. … sowie über die Auswirkungen des Todes von Ali Chamenei auf Bagdad.