Antizionismus & Israelkritik: Per Definition nicht antisemitisch?

Per Definition nicht antisemitisch?

Am 8. Juni habe ich ein Interview mit Joachim Schroeder geführt, bei dem es um einen Film über modernen Antisemitismus geht, den er zusammen mit Sophie Hafner gedreht hat und den nun Arte und WDR nicht zeigen wollen (in der ARD soll er nach etlichen Protesten nun am 21. 6. doch gezeigt werden). Auf dieses Interview hin, hat ein anderer Redakteur von Radio Dreyeckland (Volker) ein Audio auf unserer Webseite veröffentlicht, in dem er Schroeder vorwirft, die Begriffe Antisemitismus und Antizionismus ungerechtfertigt zu vermischen. Erst auf Drängen der Betriebsgruppe wurde der Kommentar, entsprechend der verbindlichen Praxis für Kommentare bei RDL, nachträglich namentlich gekennzeichnet. Außerdem hat ein weiterer Redakteur (Andreas Reimann) eine scharfe Replik verfasst.

Ich war verreist und habe Volkers Kommentar erst später gehört. Unterschiedliche Standpunkte auf unserer Webseite sind okay und auch zu diesem Thema. Als Interviewer möchte ich aber trotzdem zu der Kritik Stellung nehmen.

Es erscheint dem Kommentator offenbar, als habe Joachim Schroeder meine Frage, wo denn Antizionismus klar antisemitisch sei, nur mit der Vermischung der Begriffe beantwortet. Dabei hat Joachim Schroeder mehrere Beispiele genannt, die man als Beleg für die Existenz von Antisemitismus in antizionistischem Gewande sehen kann. Diese Aussagen fehlen aber in den eingespielten Interviewausschnitten (die ohne deutliche Kennzeichnung der Schnittstellen zusammengestellt sind) oder werden nicht erkannt. Ich bin überzeugt, dass sie nicht absichtlich ausgelassen wurden und das ganze Interview ist ja bei RDL zu hören. Trotzdem gehören diese Aussagen in den Diskussionszusammenhang.

- Im Ausschnitt zu hören ist, dass Joachim Schroeder auf Nazi-Vergleiche in Bezug auf Israel verweist. Der Zusammenhang mit der Revanche wegen Auschwitz – eine doch recht naheliegende Überlegung – wird aber weggelassen.

Hier ist die mangelnde Objektivität antizionistischer Israel-Kritik mit Händen zu greifen. Wo in Palästina wurde bittesehr ein Auschwitz oder Treblinka errichtet? Aber nicht nur deshalb ist der Vergleich völlig unangebracht. PalästinenserInnen können israelische StaatsbürgerInnen sein. Sie sitzen in der Knesset. Es gibt kein Äquivalent zum Judenstern, Moscheen werden nicht angezündet etc. Es gibt sicher Unrecht, das PalästinenserInnen angetan wird, aber es gibt auch Gewalt gegen Israelis. Wenn der IS in Paris Morde begeht, dann schickt Frankreich Flugzeuge nach Syrien. Kann man so oder so sehen, aber nichts anderes haben die israelischen Regierungen auch getan. Der Unterschied ist, dass Israel im Prinzip sogar in seiner Existenz bedroht ist, Frankreich nicht. Mir geht es nicht um eine Aufarbeitung des Palästina-Konfliktes, sondern darum zu zeigen, dass sich oft die Maßstäbe doch sehr verschieben, sobald Israel betroffen ist. Das kann man als Ausdruck von Antisemitismus sehen.

- Als Beispiel für modernen Antisemitismus erwähnt Joachim Schroeder die Behauptung, Israel und die USA würden zusammen das Finanzsystem beherrschen.

Kann man doch durchaus als Fortsetzung, des antisemitischen Stereotyps von der jüdischen Weltherrschaft, bzw. des jüdischen Finanzkapitals sehen. Das Thema greift der Kommentar nicht auf.

- Schroeder erwähnt den Fall einer deutschen Abgeordneten, die er interviewt hat und die einen Vorwurf gemacht hat, der sehr an die traditionelle Behauptung erinnert, die Juden seien Brunnenvergifter.

Wird nicht aufgegriffen. Dabei hätte mensch hier sehr schön die Blindheit vieler AntizionistInnen selbst für den grobschlächtigsten traditionellen Antisemitismus darstellen können.

Man kann den Kommentar sehr wohl so verstehen, dass zumindest zwischen den Zeilen das Existenzrecht Israels bestritten wird. Mensch sollte sich mal klar machen, was das heißt!

So ganz nebenbei wird auch gesagt, Israel sei durch einige Kriege entstanden. Israel wurde aber auch massiv militärisch bedroht und auch tatsächlich angegriffen. Bis 1967 war es nicht klar, dass Israel diese Bedrohungen schon überstehen würde.

Den Einsatz anarchistischer Staatskritik speziell im Zusammenhang mit Israel bin ich so allmählich müde. Bittesehr dann fordert doch auch dreimal täglich: Die Auflösung der Russischen Föderation, des Freistaates Bayern, die Abschaffung der Islamischen Republik Iran und des Vereinigten Königreiches und wendet Euch auch gegen die Gründung eines palästinensischen Staates. Wo bleiben Staatskritik, Religionskritik und das Eintreten für die Menschenrechte, wenn es um die Hamas geht?

Sehr tief in die Antisemitismusforschung taucht der Kommentar nicht ein. Antisemitismus wird als eine Form von klassischem Rassismus beschrieben. Der Antisemitismus war aber schon immer ein wesentlich komplexeres Phänomen. Vor allem bedarf es nicht des Nachweises, dass ein biologischer Rassismus vorliegt, um von Antisemitismus zu sprechen. Dies vor allem heute, wo allgemein der Bezug auf Rassentheorien selbst bei der äußeren Rechten meistens vermieden wird. Es wird geradezu getan, als hätte der Nachweis der Unwissenschaftlichkeit der Rassentheorien auch das politische und psychologische Phänomen Antisemitismus beseitigt.

Im Kommentar wird ferner die Meinung vertreten, der (christliche) Antijudaismus sei lediglich die Folge der Konkurrenz zweier religiöser Systeme mit Absolutheitsanspruch. Das sei dann häufig für politische Zwecke ausgenutzt worden. Also alles einfach so gekommen und am Ende beide Seiten schuld am Antijudaismus? Das finde ich zu billig. Andreas hat in seiner Replik hierauf schon das notwendige geschrieben.

Kommen wir zurück zum eigentlichen Ansatzpunkt des Kommentars, dass nämlich Antisemitismus und Antizionismus zu trennen seien, aber oft absichtlich vermischt würden. Ich denke, es geht hier nicht um die Vermischung zweier grundsätzlich verschiedener Dinge durch Interviewpartner, sondern um die unterschiedliche Bewertung jener Haltung, die ihre Vertreter Antizionismus nennen. Joachim Schroeder ist offenbar wie viele andere der Ansicht, dass „Antizionismus“ im Grunde nur eine Art Tarnbezeichnung sei, um trotz Auschwitz judenfeindlich argumentieren zu können.

Dem steht die ebenfalls sehr häufig vertretene Auffassung gegenüber, dass Antizionismus ja nicht die Juden ansich meine und außerdem nichts als gerechtfertigte Kritik an Handlungen des Israelischen Staates sei. So wie man Unrecht überall auf der Welt kritisiere.

Gegen dieses harmlose Verständnis von Antizionismus lässt sich einiges sagen. Man muss dabei zwischen dem Antizionismus vor und nach der Gründung des Staates Israel unterscheiden. Vor der Gründung Israels wurde diese Gründung abgelehnt und zwar aus unterschiedlichen Motiven, aber jedenfalls mit anderen Konsequenzen als sie der heutige Antizionismus impliziert. Damals ging es nicht um die Zerstörung eines bestehenden Staates. Darum und nicht um Kritik an einem konkreten Regierungshandeln geht es aber heute beim Antizionismus, zumindest wenn man dem Wortsinn folgt. Unter Zionismus versteht man die Idee, einen jüdischen Staat in Palästina zu gründen. Also kann Antizionismus – da die Gründung bereits erfolgt ist – nur noch dessen Abschaffung meinen. Das läuft in der Konsequenz darauf hinaus, dass sich Millionen von Jüdinnen und Juden irgendwohin zu verkrümeln haben, beziehungsweise vertrieben werden. Kommt das nicht auch irgendwie bekannt vor?

Manches was Antizionisten „gegen Israel“ vorbringen, passt ganz gut in antisemitische Schablonen. Siehe einige Beispiele oben. An Israel werden ständig besondere Maßstäbe angelegt. In anderen Weltteilen schaut kaum jemand hin.

Schließlich versucht sich der Kommentar noch an einer Unterscheidung zwischen Antizionismus und „Israelkritik“. Letztere soll sich nur auf die Erscheinungsformen des Staates Israel beziehen, nicht auf die Idee eines Staates Israel überhaupt. Ich frage mich, ob wirklich zwei fundamental unterschiedliche Herangehensweisen existieren. Auch dort, wo die Gründungsidee nicht explizit einbezogen wird, ist eine fundamentale Ablehnung des Staates Israel und eine Sonderbehandlung im Vergleich mit anderen Staaten aus Texten und Bildern immer wieder herauszulesen.

Doch angenommen, wir machen den Unterschied, so ist zu fragen, in welche Kategorie der Kommentar selbst gehört. Dabei komme ich rasch zu dem Schluss, dass er eindeutig antizionistisch argumentiert. Israel wird einseitig mit Krieg und Kolonialismus in Zusammenhang gebracht. Schon die Idee der Gründung Israels wird massiv kritisiert und letztlich als falsch hingestellt. Dabei lässt der Kommentator selbst die Begründung, Juden bräuchten einen Staat zu ihrem Schutz, kein bisschen gelten. Aus der Diskussion aus der Zeit vor der Gründung Israels greift der Kommentar das Argument auf, auch die Staaten, in denen Jüdinnen und Juden vorher lebten, hätten sie schützen können. Als Beispiel wird auch noch Frankreich genannt. Ist dem Kommentator eigentlich nicht bekannt, was mit den Jüdinnen und Juden Frankreichs ein paar Jahre vor der Gründung des Staates Israel geschehen ist? In dem Kommentar werden Antisemitismus und Antijudaismus kleingeredet und der Holocaust ist irgendwie abwesend.

Vielleicht meinen manche LeserInnen, nur Leute, die offen mit einem rechten Weltbild auftreten, könnten Antisemiten sein, so wie die Nazis im politischen Spektrum ja sicher nicht als Linke einzuordnen sind.

Dass auch Leute, die sich selbst als links verstehen, trotzdem wie Antisemiten handeln können, hat Albert Fichter bereits 1969 in seiner Weise gezeigt. Im Auftrag der aus der linken StudentInnenbewegung hervorgegangenen Gruppe „Tupamaros West-Berlin“ schmuggelte Fichter eine Bombe in das Jüdische Gemeindehaus West-Berlin. Die Bombe sollte während der Gedenkfeier zum Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November mitten unter den Mitgliedern der Gemeinde explodieren. Nur ein defekter Zünder verhinderte diese Neuauflage des 9. November 1938. 1972 lobte Ulrike Meinhof die Geiselnahme von München, bei der 11 israelische Sportler ermordet wurden (2 vor und 9 während eines Befreiungsversuches) als revolutionäre Tat „voller Sensibilität für historische und politische Zusammenhänge“.

Um Sensibilität beim Thema Antisemitismus, sollten wir uns bemühen, wenn auch mit anderem Ergebnis. Schließlich sind wir in ein Land hineingeboren, das die Verantwortung für den Mord an 6 Millionen Jüdinnen und Juden trägt.

Jan Keetman

Dieser Kommentar gibt, ebenso wie die Kommentare von Volker und Andreas, nur die Meinung des jeweiligen Autors wieder.

 

Noch ein Zitat aus der Charta der Hamas:

Der Prophet – Gott segne ihn und schenke ihm Heil-, sprach: „Die Stunde wird kommen, da die Muslime gegen die Juden solange kämpfen und sie töten, bis sich die Juden hinter Steinen und Bäumen verstecken. Doch die Bäume und Steine werden sprechen: „Oh Muslim, oh Diener Allahs, hier ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt. Komm und töte ihn!“

Die Charta galt von 1988 bis Mai 2017, als sie von einem mehr diplomatischen Dokument abgelöst wurde.