BZ Podcast Platzangst zum Stühlinger Kirchplatz in Freiburg: Wenn aus einem Diebstahl ein Überfall wird - Wie die Badische Zeitung Stimmung erzeugt.

Wenn aus einem Diebstahl ein Überfall wird - Wie die Badische Zeitung Stimmung erzeugt.

IMG_9790.JPG

Foto von Plakat im Stühlinger Park mit der Aufschrift "Das Problem heißt Rassismus"
Plakat im "Gefährlichen Ort" Stühlinger Park
Lizenz: 
CC Attribution, Non-Commercial, Share Alike
Quelle: 
Foto: RDL

Immer wieder berichten wir über den Stühlinger Kirchplatz. Zuletzt über die feierliche Eröffnung des KuturKiosks am 19. März. Ich hatte den Titel gewählt „während die Einen die Eröffnung des KulturKiosk feiern, werden schwarze Platznutzer von der Polizei kontrolliert. Der KulturKiosk ist Teil des soziokulturellen und integrativen Gesamtkonzept Stühlinger Kirchplatz, das der Gemeinderat verabschiedet hat, um den Platz weiter zu beleben und so evtl. auch den relativ offensichtlichen Drogenhandel etwas zurückzudrängen. Der Platz, der tagsüber von zahlreichen Menschen, auch vielen Familien rege genutzt wird, bekommt regelmäßig Besuch von einem großen Polizeiaufgebot, das Razzien durchführt, die vor allem people of colour treffen. Ein bißchen vor der Eröffnung des KulturKiosks hatte die Badische Zeitung mal wieder auf ihre Weise Stimmung erzeugt. Diesmal veröffentlichte sie die Podcastserie, mit dem reißerischen Titel Platzangst, der Freiburger Reporter Joshua Kocher und Jannik Jürgens.

Diesen Podcast hat sich der freie Journalist Peer Heinelt angehört, der kürzlich nach Freiburg in die Stadt seiner Jugend zurückgekehrt ist. Wir haben mit ihm gesprochen. 20:41

(FK)

-------

Hier noch eine zusammenfassende Analyse von Peer Heinelt:

 

Der BZ-Podcast „Platzangst“ über den Stühlinger Kirchplatz in Freiburg

Eine Kritik

Vorbemerkung

Der dreiteilige BZ-Podcast „Platzangst“ der Freiburger Journalisten Joshua Kocher und Jannik Jürgens wurde im Vorfeld massiv beworben und kann auf der Website www.podcast.de kostenlos heruntergeladen respektive angehört werden. Es ist also davon auszugehen, dass die für die Produktion Verantwortlichen dem Werk eine möglichst große Verbreitung wünschten. Dies steht im klaren Widerspruch zur sonstigen Geschäftspolitik der Badischen Zeitung, die das Lesen vieler ihrer online veröffentlichten Texte nur gegen Bezahlung zulässt.

Schon im Trailer fallen alle Begriffe, die man für eine sensationslüsterne, reißerische Publikation braucht; hier heißt es: „Drogen, Überfälle, Belästigungen und ein fehlendes Sicherheitsgefühl: Der Stühlinger Kirchplatz in Freiburg gilt seit Jahren als Kriminalitätsschwerpunkt – und ist wohl Freiburgs berüchtigtster Ort.“ Die beiden Journalisten erscheinen vor diesem Hintergrund fast von alleine als unerschrockene, wagemutige Investigativ-Ermittler. Dass sie sich selbst auch so sehen, betonen sie permanent.

 

Folge 1 – „Der Überfall“ (06.02.2026)

Der erste Teil des BZ-Podcasts ruft zu Anfang Assoziationen mit Tourismusreklame hervor. Während sich die Konflikte zwischen den kapitalistischen Metropolen zusehends verschärfen und Kriege weltweit an der Tagesordnung sind, erwecken die Autoren den realitätsfernen Eindruck einer lokalen Idylle, die von ruchlosen Verbrechern angegriffen wird. So ist etwa die Rede davon, dass der Stühlinger Kirchplatz mit seiner „Kriminalitätsbelastung“ gar nicht in das Bild passe, das man gemeinhin von Freiburg habe – weil die Welt hier ansonsten offenbar noch in Ordnung ist. Passender Weise handelt es sich bei den Kriminellen denn auch um Ausländer, also um Menschen, die von außen in die besagte Idylle eindringen.

Um diejenigen, die sich wider die Idylle vergehen, als möglichst bösartig erscheinen zu lassen, haben die Podcast-Macher kein Problem damit, dreist zu lügen. Aus einem Trickdiebstahl in einem nahe dem Platz gelegenen Tattoostudio machen sie, ohne mit der Wimper zu zucken, einen „Überfall“. Sie benutzen somit bewusst einen Begriff, der die meisten Menschen an einen Raubüberfall denken lässt, also an die Wegnahme von Geld oder Wertgegenständen mittels Androhung von Waffengewalt. Zu Drohungen seitens der Täter kam es zwar tatsächlich, aber erst nachdem sie einen Teil des Diebesguts zurückgegeben hatten und die Bestohlenen nicht davon überzeugen konnten, auf eine Strafanzeige zu verzichten.

Statt Fakten zu referieren, singen die Podcast-Macher ohnehin lieber das Hohe Lied der Repression: Ausführlich zu Wort kommt denn auch der mittlerweile aus dem Amt geschiedene „Ordnungsbürgermeister“ Stefan Breiter, der erklärt, man müsse „sich den Platz zurückholen“. Schon Ende 2024 hatte sich Breiter nahezu wortgleich im Hauptausschuss des Freiburger Gemeinderates geäußert – und damit mitnichten einen Skandal ausgelöst. Auch die Podcast-Macher interessiert es offenbar nicht, dass der CDU-Funktionär Breiter hier den AfD-Funktionär Alexander Gauland kopiert. Der wollte einst gemeinsam mit seinen Parteigenossen „Frau Merkel oder wen auch immer jagen“ und sagte dann: „Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen“. Von wem bedurfte zu diesem Zeitpunkt längst keiner Erwähnung mehr; gemeint waren neben „Rot/Grün-Versifften“ in erster Linie „illegale Ausländer“ und „Scheinasylanten“.

 

Folge 2: „Die Suche“ (12.02.2026)

Dass Rassismus für die Podcast-Macher kein Thema ist, wird auch in dieser Folge deutlich. Zu Wort kommt etwa die Ärztin Ursula Enderlein, die, wie es heißt, „in ihrer Praxis Drogenabhängige behandelte“ und „erzählt, wie die härteren Drogen auf den Platz kamen“. Enderlein spricht in diesem Zusammenhang mehrfach von „Zigeunern“ – ohne damit auch nur eine einzige kritische Nachfrage zu provozieren.

Ansonsten bemühen sich die Podcast-Macher nach eigenem Bekunden „stundenlang, mit Dealern vom Platz ins Gespräch zu kommen“: „Warum sind sie hier? Mit was handeln sie? Und woher bekommen sie ihren Stoff?“ Naheliegend wäre an dieser Stelle der Verweis auf die verheerenden Folgen der Prohibition und der rassistischen Ausländerpolitik – und auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, die systematisch Verlierer produzieren. Dies allerdings ist die Sache unserer selbsternannten Investigativjournalisten nicht. Sie entblöden sich nicht einmal, ihren Gesprächspartnern „Schwarzarbeit“ als Alternative zum Dealen mit Cannabis zu empfehlen, richte erstere doch „weniger gesellschaftlichen Schaden“ an.

Dass die ausländischen Dealer nach eigener Aussage nur sehr wenig Geld mit dem Verkauf illegalisierter Drogen verdienen, nehmen ihnen die Podcast-Macher selbstredend nicht ab und verweisen auf die Markenkleidung ihrer Gesprächspartner. Nach Ansicht unserer „Investigativjournalisten“ muss wer behauptet, arm zu sein, offenbar in Lumpen herumlaufen.

Folge 3: „Der Traum“ (19.02.2026)

Zuletzt stellen die Podcast-Macher dann eine einfache Gleichung auf: Mehr Grenzkontrollen und Abschiebungen und in der Folge weniger Flüchtlinge (insbesondere aus den Maghreb-Staaten) könnten in Verbindung mit polizeilicher Repression und Videoüberwachung dazu beitragen, die Situation auf dem Platz zu „verbessern“. Aus „Ausländer raus“ wird „unerwünschte Ausländer gar nicht erst reinlassen“.

Nicht nur an dieser Stelle dürften sich die AfD und ihre Freunde die Hände reiben: Der gesamte Podcast ist für sie eine informatorische Fundgrube par excellence.

Peer Heinelt